Ingrid Hable: Intertextualität und intradiegetische Schriften in Thomas Bernhards „Der Untergeher“ (1983) und Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ (1983)

Diplomarbeit

Die Arbeit unternimmt eine vergleichende narratologische Analyse von Thomas Bernhards Der Untergeher und Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin und gibt Aufschluss über die in diesen Werken transportierte Weltsicht. Insbesondere werden die Aussagen der Texte über die Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Kommunikation und des Wirklichkeitszuganges erschlossen sowie die aus den Texten ableitbaren Sinnkonzepte.
In einem ersten Schritt wird die Erzählstruktur beider Werke im Hinblick auf Erzählinstanzen, Figurengestaltung und die Konstruktion des Raum-Zeit-Gefüges dargelegt. Dabei zeigt sich, dass die erzählerische Vermittlung der Werke durch Indirektheit und Unzuverlässigkeit gekennzeichnet und ihre Erzählstruktur jeweils als Machtstruktur konstruiert ist.
Anschließend wird auf die in beiden Werken vorkommenden Texte im Text in ihrer Eigenschaft als selbstreflexive Elemente fokussiert. Das umfasst einerseits intertextuelle Bezüge, andererseits die von Figuren verfassten intradiegetischen Schriften. Obwohl der Einsatz solcher Texte im Text in den beiden Werken in sehr unterschiedlicher Weise erfolgt, lassen sich ähnliche Folgerungen in Bezug auf die Weltsicht der Werke ziehen: Sprache wird sowohl in ihrer Funktion als Kommunikationsmittel als auch als Instrument der Welterfassung problematisiert, dennoch erweist sich der zugleich schöpferische wie destruktive Akt des Schreibens als überlebensnotwendig. Einem aus der kulturellen Tradition abgeleiteten sinnstiftenden Kanon wird ebenso eine Absage erteilt wie Absolutheitsansprüchen jeglicher Art. Dagegen lassen sich Sinn und Weltbejahung im Überschreiten vorgegebener Normen und Konzepte und in der Akzeptanz des Scheiterns als Bedingung menschlicher Existenz auffinden.

14.10.2016

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Irina Sivolobova: Ding-Poetik in der österreichischen Gegenwartsliteratur

Disseration

Abstract

Mein Dissertationsprojekt ist der Ding-Poetik der österreichischen Gegenwartsliteratur gewidmet. Mein Herangehen gründet sich auf die Werke der Wissenschaftler, in denen „Ding“ als eine besondere Kategorie der österreichischen Nationalliteratur erfasst wird. Die Ding-Poetik wird in den zahlreichen Publikationen zu dem wesentlichen Merkmal der Werke von A. Stifter, F. Kafka und R.M. Rilke gezählt. Ding bei Stifter und Rilke hat einen philosophischen und erhabenen Sinn, und in Kafkas Werken eher einen erschreckender Charakter.
In diesem Dissertationsprojekt wird der Versuch unternommen, die Bedeutung der Kategorie des Dinges in der österreichischen Gegenwartsliteratur vor allem in Elfriede Jelineks Schaffen zu untersuchen.
Die ersten Forschungsergebnisse der Poetik der Dinge zeugen davon, dass in Jelineks Romanen der 1970er und 80er Jahre (Die Liebhaberinnen 1975, Die Ausgesperrten 1980, Die Klavierspielerin 1983) ein besonderer erzählerischer Code in der Sprache der Dinge verbalisiert wird. Hypothese meiner Dissertationsarbeit ist demnach, dass die Autorin durch diesen Code die wichtigsten ästhetischen Aufgaben, wie Mythendestruktion, Soziallkritik der Konsumgesellschaft und Androzentrismus, löst.
Viele Jelinek-Forscherinnen und -Forscher betonen, dass die Autorin den scharfen Realismus des Alltagslebens triviale Mythen gegenüberstellt, wobei die Frauen zu Automaten für die Kinder-und Männerpflege, Liebe und Kunst zu den objektivierten Konsumobjekten werden. Die Frau als Objekt wird zum Motiv in der zeitgenössischen Literatur, das die Genderproblematik ans Licht bringt (bei I. Bachmann, Ch. Wolf, B. Frischmuth, H. Müller). Die Untersuchung dieses Motivs ist eine der Aufgaben meines Dissertationsprojekts.

14.10.2016

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Julia Schwanke: ‚Die feinen Unterschiede‘ der Männlichkeiten in ausgewählter Prosa Elfriede Jelineks

Dissertation

Abstract

Die männlich gezeichneten Figuren in Jelineks Prosa sind geprägt von patriarchalen Ansprüchen auf eine unhinterfragbare Machtposition. Diese gilt es durch massive Anwendung von Gewalt – vor allem den weiblich gezeichneten Figuren gegenüber – durchzusetzen und zu behaupten. Das Motiv des Herrschaftsanspruches zieht sich durch das gesamte Werk Jelineks.
In Die Ausgesperrten malträtiert Otto Witkowski, ehemaliger SS-Offizier und Kriegsinvalide, seine Ehefrau Gretl wann immer er kann und führt so den Faschismus des NS-Regimes innerhalb seiner kleinbürgerlichen Familie fort. Hans Sepp, der junge Starkstrominstallateur, kämpft mit seiner sozialen Herkunft und übt sexualisierte Gewalt gegen Anna Witkowski aus, wenn er um seine körperliche Stärke und Potenz fürchtet. Rainer, dessen Identität an seiner minderprivilegierten gesellschaftlichen Position zu scheitern droht, weiß sich nur noch mit dem erbarmungslosen Auslöschen seiner gesamten Familie sowie der Leugnung seiner Geschlechtlichkeit zu helfen. Letztlich etabliert auch Walter Klemmer in Die Klavierspielerin seine Machtposition mit der brutalen Vergewaltigung Erika Kohuts, nachdem diese sich eine weibliche Herrschaft anmaßte und damit eine Konkurrenz für Walter darstellte.
Die Rezensionen der Romane sind in weiten Teilen ebenso geprägt von diesen dominanten männlichen Figuren, die auf brutale, triebgesteuerte, gewalttätige Weise eine hegemoniale Position behaupten oder einnehmen möchten.
Ziel der Dissertation ist es daher, eine alternative Lesart dieser Figuren anzubieten. Der Ausgangspunkt hierbei ist die Annahme, dass Jelineks Figuren durchaus subversives Potential für eine alternative Lesart der (männlichen) Figuren bieten. Hierbei wird davon ausgegangen, dass Jelinek die (männlichen) Figuren im Rahmen patriarchaler Lebensbedingungen mit dem Anspruch ausstattet, schlicht aufgrund ihrer (biologischen) Zugehörigkeit zur dominanten Gruppe der Gesellschaft eine Machtposition innezuhaben. Dieser Anspruch lässt – und das ist die zentrale These – die männlichen gezeichneten Figuren allesamt einen hegemonialen Status im Sinne der australischen Soziologin Raewyn Connells anstreben. Der Soziologe Michael Meuser spricht diesbezüglich davon, dass die hegemoniale Männlichkeit als Ideal für alle Männlichkeitskonstruktionen als generatives Prinzip wirkt. Wie das Streben nach diesem Ideal in Jelineks Prosa sichtbar wird, wird somit ein zentrales Moment der Arbeit sein.
Die Betrachtung einzelner Figuren lässt vermuten, dass letztlich auch die männlichen Figuren im Scheitern begriffen sind. Die männlichen Figuren profitieren nicht ausschließlich vom Patriarchat (von der patriarchalen Dividende etwa), sondern stehen ebenfalls in der Gefahr, durch Devianz an den Anforderungen zu scheitern. Die Abweichungen der Figuren von der Ordnung des Patriarchats werden an vielen Stellen deutlich. Hierzu gehört beispielsweise auch die Abweichung vom Ideal der hegemonialen Männlichkeit in Form einer körperlichen Einschränkung oder einer bestimmten Klassenzugehörigkeit, die Jelinek hervorhebt. In Verbindung mit der zentralen These führt dies zu der Hypothese, dass die Figuren ihre Männlichkeit aufgrund der Sorge, nicht dem Ideal der hegemonialen Männlichkeit zu entsprechen, als unzulänglich erleben und sich gezwungen sehen, das erlebte Defizit zu kompensieren. Die Kompensationsstrategien gestalten sich vielseitig, jedoch überwiegt die Kompensation durch Gewalt, Aggression und Abwertung von Weiblichkeit.
Darüber hinaus soll die Hypothese untersucht werden, dass die hegemoniale Männlichkeit als generatives Prinzip klassenübergreifend wirkt: Hegemoniale Männlichkeit gilt unabhängig von der Klassenzugehörigkeit als anzustrebendes Ideal. Aus einer intersektionalen Perspektive ist jedoch anzunehmen, dass sich diese Männlichkeiten je nach Klassenzugehörigkeit allein aufgrund ungleicher Ressourcen unterschiedlich konstituieren. Dies wird vor allem im Roman Die Ausgesperrten untersucht, es werden jedoch auch Parallelen zu Walter Klemmer und Erika Kohut aufgezeigt.
Wenngleich die Figuren massive Gewalt ausüben und um jeden Preis bemüht sind, sich im Kontext einer zweigeschlechtlichen Gesellschaft als Mächtigster hervorzutun – im Übrigen auch im homosozialen Kontext – und damit die ultimative Männlichkeit zu verkörpern, deckt das Scheitern an den eigenen Anforderungen an eine Männlichkeit das subversive Potential der Figuren auf. Der ironische Umgang der Erzählinstanz mit diesen Figuren ist es, der über die Handlung hinaus stetig darauf aufmerksam macht, dass diese Figuren nicht ernst zu nehmen sind, sondern fast erbärmlich wirken in ihren Bemühungen, was letztlich eine alternative Lesart zusätzlich plausibel macht.
Den weiblich gezeichneten Figuren wird nicht pauschal abgesprochen, sich tendenziell auch eine Männlichkeit aneignen zu können. Daher werden zwei zunächst weiblich gezeichnete Figuren hinsichtlich ihrer Männlichkeitskonstruktion untersucht. Erika Kohut stellt eine Figur mit einer phallischen Anmaßung dar, welche sich mit Walter Klemmer – abseits ihrer Liebesbeziehung – in einer Art der ernsten Spiele des Wettbewerbs im Sinne Bourdieus misst. Anna Witkowski ist sehr darum bemüht, sich jeglicher Weiblichkeit zu entledigen und kanalisiert ihre Wut über ihre defizitäre soziale Position als absteigende Kleinbürgerin und Frau durch körperliche Auseinandersetzungen mit den Opfern der Raubüberfälle. Beide eignen sich traditionell männlich konnotierte Eigenschaften an, um eine Art Herrschafts- bzw. Machtposition einnehmen zu können. Das subversive Potential der weiblich gezeichneten Figuren bezüglich ihrer Aneignung von Männlichkeit besteht somit in einem Empowerment von gesellschaftlich Untergeordneten.

5.10.2016

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Kerstin Mertenskötter: Revision der Dramenanalyse. Eine literaturwissenschaftliche Methode zur Perspektivierung dramatischer, postdramatischer und neudramatischer Theatertexte

Dissertation

Abstract

Ein Blick in die aktuellen Spielpläne der Theater der Gegenwart offenbart ein offenes und heterogenes Feld von Textformen und Inszenierungsweisen. Klassische Dramen und traditionelle Inszenierungen finden sich neben postdramatischen Arbeiten und der Ästhetik der Neudramatik. Postdramatisches Theater und ebensolche Texte, etwa von Elfriede Jelinek, Peter Handke oder René Pollesch haben sich seit den 1960er Jahren entwickelt. Die Publikumsbeschimpfung (1966) von Handke oder FaustIn and out. Sekundärdrama zu Urfaust (2012) von Jelinek weisen bereits im Titel auf das selbstreflexive und metatheatrale Potential jener Ästhetik hin. Eine Aufkündigung mit dem „Dreigestirn von Drama, Handlung und Nachahmung“ 1), wie Hans-Thies Lehmann es in seiner Monografie Postdramatisches Theater beschreibt, führt beispielsweise zu einer Entpersonalisierung der Figuren, zu einer Monologisierung der Dialogstruktur, zu einem Bruch mit dem Anspruch auf kausal-logische Wiedergabe eines Geschehens. Neben der Postdramatik entwickelt sich zudem seit den 1990er Jahren mit AutorInnen und RegisseurInnen wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig die sogenannte Neudramatik. Eine ‚Rückkehr zum Dramatischen‘, die diesen Theatertexten im literatur- und theaterwissenschaftlichen Diskurs zugeschrieben wird, wird dabei zugleich durch ästhetische Strategien wie Perspektivwechsel, Zeitsprünge und die Verwendung illusionsbrechender Stilmittel aufgestört.
Die Methode der Literaturwissenschaft zur Analyse von Dramen und Theatertexten, die Dramenanalyse, trägt dieser Heterogenität begriffstheoretisch jedoch nicht Rechnung. Einschlägige Einführungen in die Dramenanalyse richten ihre Untersuchungsaspekte wie Handlung, Figur, Sprache (dramatische Rede), Raum und Zeit historisch einseitig an der Poetik des Aristoteles (335 v. Chr.) sowie an einschlägigen dramen- und theatertheoretischen Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus; vorrangig an Johann Christoph Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730) oder an Gotthold Ephraim Lessings Hamburgische Dramaturgie (1767-69). Es zeigt sich eine deutliche Divergenz zwischen der literaturwissenschaftlichen Forschung und den innovativen Entwicklungen der theatralen Praxis. Vor diesem Hintergrund wird das vorliegende Promotionsprojekt das Desiderat eines revidierten Instrumentariums zur Dramen- und Theatertextanalyse schließen. Die umfangreiche und innovative Forschung zum postdramatischen Werk Elfriede Jelineks stellt dabei einen wichtigen Referenzpunkt für die Entwicklung einer profilierten Methode und für eine kritische Reflexion dramenanalytischer Konstituenten dar. Ziel der Arbeit ist es, sowohl einen dramenanalytischen Zugang zu Theatertexten zu ermöglichen, als auch jene Textstrategien und dramaturgische Verfahren in Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts aufzudecken, die mit dem historisch einseitig ausgerichteten Instrumentarium der Dramenanalyse bisher kaum erfasst werden konnten. Das Untersuchungsmaterial erstreckt sich damit von Dramen des 18. und 19. Jahrhunderts über jene zur Zeit der ‚Krise des Dramas‘ (Szondi) um 1900, bis hin zu post- und neudramatischen Theatertexten.

1) Lehmann, Hans-Thies: Postdramatisches Theater. Frankfurt am Main : Verl. der Autoren 1999, S. 35.
4.10.2016

4.10.2016

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Christine Stubenvoll: Sprachliche Verfahren und ihre Funktionen in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ (mit besonderer Berücksichtigung der Funktionen von Intertextualität)

Bachelorarbeit

Elfriede Jelineks Theatertext Die Schutzbefohlenen wird zum einen im Hinblick auf seine Textherstellungsverfahren untersucht, wobei als zentrales Verfahren die Intertextualität im Blickfeld steht, zum anderen werden die wesentlichen Themen und Diskurse herausgearbeitet, die mit den Bereichen Flucht und Asyl, Kapitalismus, Menschenrechte, Werte, Identität Europas und abendländische Philosophie zusammengefasst werden können.
Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit betrifft die Funktionen der sprachlichen Verfahren Jelineks und deren politische Dimensionen. Die intertextuellen Verfahren sowie die Mittel der Entstellung und Verfremdung der Zitate durch Wortspiel, Ironie und Satire lassen im Zusammenspiel mit den verhandelten Themen Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen sichtbar werden. Diese ist immer in eine Sprachkritik eingebettet, die das wesentliche politische Moment in Elfriede Jelineks Schreiben darstellt, indem sie die Verflechtung von gesellschaftlichen Strukturen und sprachlichen Gewohnheiten thematisiert.

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2.8.2016

Michael Schmidt: Macht und Simultanität in Elfriede Jelineks Theaterstück „Clara S. musikalische Tragödie“

In ihrem Theaterstück Clara S. musikalische Tragödie geht Elfriede Jelinek den Strukturen der Macht nach. Diese erscheinen nicht zielgerichtet, sondern ergeben sich aus einem Zusammenwirken von Sprache und Körpern. Das Stück geht den Verkettungen der Macht nach, um diese offenzulegen. Dies unternimmt das Stück dadurch, dass es einen „geschichtsleeren“ Raum erzeugt, in dem es zu einer Simultanität des fiktiven und historischen Geschehens kommt. Die sonst verborgenen Machtstrukturen treten in diesem Verfahren an die Oberfläche. Die Sprache Jelineks nimmt diese Strukturen in sich auf, um sie unmöglich werden zu lassen.

28.7.2016

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Laura Ritzenfeld: Protagonistin Sprache. Betrachtung der Theaterästhetik in Elfriede Jelineks Theatertexten ausgehend von der Inszenierung „Nora3“ am Wiener Volkstheater

Bachelorarbeit

Jelinek gestaltet ihre Theatertexte, indem sie der Sprache als Protagonistin die Hauptrolle zuschreibt. Die Frage stellt sich, ob ihr sprachzentrierter Zugang mit der herkömmlichen Idee des Theaters bricht und ob Sprache allein für die Bühne ausreicht. Sind Jelineks Theatertexte überhaupt noch Theater?
Die Arbeit begibt sich auf die Suche nach der Theatralität in Jelineks Theatertexten Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder: Stzützen der Gesellschaft und Nach Nora. Anlass bot dazu die Inszenierung von Nora3 (Regie: Dušan David Pařízek) am Wiener Volkstheater, welche am 12. September 2015 Premiere feierte.
Besonders die Darstellung der Figuren, deren Dialogizität beziehungsweise deren Unfähigkeit dialogisch miteinander zu interagieren, sowie die Bildung von Textflächen und die Entmystifizierung von Emanzipation und Kapitalismus werden anhand hermeneutischer Methoden diskutiert.
Die herkömmliche Idee von Theater wird von der Autorin dekonstruiert: Ihre Sprache bildet das Zentrum, bleibt nicht länger nur Gerüst, während die Handlung nebensächlich wird. So schafft Jelinek durch Sprache, die sich losgelöst vom Sinn durch Klang und Rhythmus auszeichnet, eine neue und unabhängige Theatralik.

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28.4.2016

Nicolai Busch: Mythos Europa. Dekonstruktion in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“

Seminararbeit

Elfriede Jelineks Beschäftigung mit dem westlichen Mythos „Heimat“ rückt angesichts der global andauernden Flüchtlingskrise erneut in den Fokus. In ihrem auch heute noch politisch aktuellsten Sprachkunstwerk Die Schutzbefohlenen von 2013 dekonstruiert die Autorin „Heimat“ als Privileg der finanziell und sprachlich Mächtigen. In deren Diskurs kommt der Geflüchtete selbst „nicht zur Sprache“, stattdessen „wird er gesprochen“. Die Daseins-konstituierende Funktion von Sprache bleibt ihm dadurch verwehrt. Ohne die Wechselwirkung mit seiner Umwelt wird er in Jelineks Text zum heideggerschen Ding. Gerade in der Übertreibung dieses verdinglichten Seinszustands ihrer Figuren aber liegt die Voraussetzung für Jelineks Mythendekonstruktion. Indem sie den Sprachdiebstahl an ihren Figuren noch verschärft, erschafft die Autorin in Die Schutzbefohlenen einen künstlichen Mythos „Europa“. An dieser Stelle, durch die Desidentifikation Europas mit sich selbst, wird es möglich, „Europa“ neu zu denken. Was aus der europäischen Identitätskrise erwachsen kann, zeigt uns Jelinek, ist ein Identitätskonzept in ständiger Bewegung, in ständiger Spannung zwischen der Öffnung zur Andersheit und der Erfahrung von Eigenheit.

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6.4.2016

Sabrina Weinzettl: „Aber die Frau ist ein Nichts“ – Über die Unmöglichkeit des weiblichen Subjekts in Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“

Seminararbeit

„Ich bin nicht mehr da, ich bin.“ 1) – so schließt Eurydikes Rede, bevor sie endgültig in die Schattenwelt verschwindet. Es ist dieser Satz, der das Verschwinden einer weiblichen Existenz, die niemals möglich war, besiegelt. Nach dem Biss der Schlange findet Eurydike in der Schattenwelt, im „Keinort“ 2), endgültig das Schicksal, das ihr schon zu Lebzeiten zugedacht war: Sie wird zu einem Nichts, zu einem körperlosen Schatten, der sich zwar von seinen an den Körper geknüpften Objektabhängigkeiten zum Sänger befreien kann, dem die Subjektwerdung aber dennoch unmöglich bleibt. In dem Theatertext Schatten (Eurydike sagt) schafft Elfriede Jelinek einen Gegenentwurf zum männlich-besetzten Orpheus-Diskurs und verleiht Eurydike eine Stimme.
Die vorliegende Arbeit untersucht unter Einbeziehung von Elfriede Jelineks feministischen Positionen, Sigmund Freuds Sexualtheorie und Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter, die in Schatten verhandelten Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, die eine Subjektwerdung des weiblichen Ich negieren.

Fußnoten
1) Jelinek, Elfriede: Schatten (Eurydike sagt). In: Theater heute 10/2012 (Beilage), S. 3-18, hier S. 18.
2) Jirku, Brigitte E.: „Ich bin“ – Schatten und Schattenreich als Unorte. Zu Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“. In: Jelinek[Jahr]Buch. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum 2013. Hrsg. v. Pia Janke unter der Mitarbeit von Teresa Kovacs, Stefanie Kaplan und Christian Schenkermayr. Wien: Praesens Verlag 2013, S. 58-71, hier S. 59.

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4.4.2016

Michael Schmidt: Körper und Zeit in Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“

In dem Roman Die Kinder der Toten rückt die Bedeutung der Zeit und der Körper für das Funktionieren der zeitgenössischen Gesellschaft in das Zentrum des Erzählens selbst. In unserer spätkapitalistischen Epoche ist die Erfahrung von Wirklichkeit immer auch von fiktiven Strukturen durchzogen. Der Roman versucht deshalb keine Wirklichkeit zu erfinden, sondern diese fiktive Wahrnehmung von Wirklichkeit zu übersteigern. Über eine kritische Hinterfragung der Begriffe von Körper und Zeit, entwickelt der Roman somit eine Gegenbewegung gegen jegliche Form von Denkgewohnheiten.

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2.3.2016