Julia Prager: Stottern und Schweigen. Topoi einer intermedialen Poetik der Exophonie

Forschungsprojekt

Abstract

Ausgangspunkt des Vorhabens ist die von der japanisch-deutschsprachigen Autorin Yoko Tawada ausgearbeitete „Poetik der Exophonie“. Tawadas primäres Interesse für den Begriff der Exophonie ergibt sich aus den Valenzen der Vorsilbe „exo“. So entwickelt Tawada Spielformen der im Präfix angezeigten Bewegung des (Her)Aus, die sie in einem grundlegend körperlichen Sprachverständnis als (metaphorisches wie buchstäbliches) „Heraus-Treten“ wendet: als Heraustreten der Stimme aus der Schrift, als solches aus einer Sprache (zumeist der Muttersprache) oder − in der radikalsten Formulierung − als Heraustreten aus der Sprache selbst.
Insofern dieser Wendung ein theatraler Gestus eingeschrieben ist, nimmt das Forschungsvorhaben die intermediale Verfasstheit von Tawadas Exophonie zum Anlass, deren Implikationen auf das Gegenwartstheater und dessen Texte zu übertragen, um die spezifischen exophonen Inszenierungsweisen auszuloten. Im Hinblick auf die zahlreichen Inszenierungen, die sich explizit mit Flüchtlingsthematiken und Migrationsbewegungen auseinandersetzen, ist eine dahingehende Forschungslücke festzustellen. Für deren Bearbeitung werden zwei exophone Spielformen als Topoi einer intermedialen Poetik der Exophonie ausgewiesen: Stottern und Schweigen. Damit einher geht die Annahme, dass Stottern und Schweigen sowohl als Bezeichnungen für eine körperliche als auch für eine mediale, mitunter technische, „Störung“ fungieren. Der Begriff der Störung kommt im medientheoretischen Diskurs auch im Kontext der Reflexion jener Momente zum Tragen, in welchen die Materialität hervortritt und sich so dem angeblich transparenten Charakter des Mediums widersetzt. Insofern Tawada Stottern und Schweigen als „Sprachstörungen“ verhandelt, die das Sprechen mit Akzent auszeichnen, muss infrage gestellt werden, welche Folgen eine derart klangliche „Störung“ der „Nationalsprache“ für Konzeptionen von „ZuGehörigkeit“ nach sich zieht.
Für eine exophone Inszenierung und dahingehende Analyse reicht es nicht aus, jene Situationen auszumachen, in welchen eine solche Störung im Zusammenspiel von Text und „Sprachkörper“ in der Inszenierung ostentativ wird, sondern insbesondere wird es darum gehen, das jeweilige Potential einer künstlerischen Intervention im Prozess sozialer Transformation zu exponieren. Daran schließt die These, dass das exophone Spiel mit der Störung, das in je spezifischen Einsätzen von Stottern und Schweigen zur Aufführung kommt, deren „Feststellbarkeit“ selbst zum Spieleinsatz macht. Impliziert die Störung eine klare Negativbewertung, so lässt sich zeigen, dass das exophone Theater ihre Resignifikation performiert: Störungen werden als normative Konzeptionen ausgestellt und in ihrer Beweglichkeit neu gefasst.
Für die Untersuchung der Texte und Projekte (Jelineks Die Schutzbefohlenen sowie deren Inszenierung von Stemann, Tawadas Mein kleiner Zeh war ein Wort, Rimini Protokolls Situation Rooms, Rabih Mroués Riding on a Cloud und Bisan Abu-Eishehs Love Speech) stellen sich folgende Leitfragen: Wie gestaltet sich das grundlegende Verhältnis von Theatertext und Aufführung im Hinblick auf Exophonie? In welcher Weise wird Störung als bewegliche Konzeption inszeniert, die „Sprachstörungen“ nicht mehr an einzelne Körper bindet, sondern zu einer geteilten Erfahrung macht? Welcher theoretische Gewinn − jenseits eines Nachweises von Authentifizierungsstrategien −lässt sich aus diesem Ansatz für die Reflexion aktueller Tendenzen der Aufführungspraxis ziehen, geflüchtete Personen oder „Experten des Alltags“ auf die Bühne zu holen? In welcher Weise reflektiert das „Hybrid-Medium“ Theater in seiner exophonen Wendung auf die ins Spiel geholten „Neuen Medien“, wenn im Sinne einer auf Beweglichkeit abzielenden Strategie künstlerischer Intervention eine gewisse Reversibilität von „hier“ und „dort“ in die Live-Situation des Theaters gesetzt wird, um die Bedeutung von „Zugehörigkeit“ im Medienzeitalter zur Disposition zu stellen?

7.10.2015

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Julia Prager: Exophone Wende: Bewegte Klangkörper in Text und Inszenierung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen“

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Ausgehend von Yoko Tawadas literarischer Konzeption der Exophonie, die als Gestus des „Heraus-Tretens“ der Stimme aus der Schrift respektive aus der „einen“ Sprache bereits im Schwellenbereich von Literatur und theatraler Aufführung ausgetragen wird, widmet sich das Projekt ihren postdramatischen Adaptionen. In diesem Beitrag steht das Verknüpfen von Tawadas und Jelineks Spracheinsätzen im Fokus, welches von den Fragen angeleitet wird, inwiefern auch Jelineks Text Die Schutzbefohlenen exophon verfährt und welche spezifische Spielform der Exophonie Stemanns Inszenierung entfaltet.
Bei Tawada wird exophones Schreiben zu einem Mittel, kritische Reflexionen über identitätspolitische Modi der „Sprachbeherrschung“ der jeweiligen nationalen Diskurse anzustellen, die die klangliche Dimension der Sprache als Marker von „ZuGehörigkeit“ einsetzen. Im Gegenwartstheater entwickelt das darin angelegte Exponieren des Sprachkörpers eine weitere Spannung im Umgang mit dem Theatertext.
So agieren in Stemanns Inszenierung von Jelineks Die Schutzbefohlenen am Thalia Theater in Hamburg „reale“ Flüchtlinge auf der Bühne, deren Sprechen sie als „Nicht-Zugehörige“ über die von ihnen verkörperten Rollen hinaus exponiert. Die dezidiert exophone Wendung − so lautet die zugrundeliegende These − besteht in ihrer auf Handlungsfähigkeit ausgerichteten Strategie in der Inszenierung des Akzents als wandernde „Sprachstörung“. In Bewegung kommt diese, da das Sprechen mit und ohne Akzent im Handlungsverlauf nicht mehr an bestimmten Körpern festgemacht werden kann, ahmen doch alle Beteiligten jeweils das Sprechen der „Anderen“ nach. Die Nicht-Feststellbarkeit der „Sprachstörung“ widersetzt sich der Urteilsbildung durch das Publikum. Gestört wird hingegen der Antagonismus von „wir“ und „sie“, dessen Subversion der Theatertext bereits anleitet und in der Inszenierung eine weitere Dimension entfaltet: So beunruhigt das Gegeneinander-Führen der wienerisch-dialektalen Färbungen des Textes und seiner vom Hamburger Dialekt durchsetzten Inszenierung nachhaltig jedwede Konstruktion von Regionalität und Zuordenbarkeit, folglich auch von eindeutiger Identifikation.
Mit dieser agonistischen Wende erfährt der Blick auf Jelineks Spracheinsätze eine Umperspek-tivierung, indem die ihren Texten zugeschriebene Polyphonie darüber hinaus als Exophonie veranschlagt wird.

7.10.2015

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Anna Brod: Täter – Opfer – Zuschauer. Konzepte von Zeugenschaft in Theaterstücken über den „NSU“

Dissertation

Abstract

Im Mittelpunkt der Dissertation stehen aktuelle Theaterstücke, die den „NSU“ („Nationalsozialistischer Untergrund“ = Selbstbezeichnung) sowie die Auswirkungen der ihm zugeschriebenen Taten und deren Aufarbeitung (gesellschaftlich, juristisch, medial) thematisieren. Zunächst sollen eine Gesamtaufnahme der Stücke gemacht und thematisch-formale Subtypen ausdifferenziert werden.
In einem Zugang, der literatur- und theaterwissenschaftliche Methoden verbindet, indem sowohl die Theatertexte als auch Inszenierungen sowie Selbstaussagen der AutorInnen (z.B. in Programmheften oder Interviews) Gegenstand der Analyse werden, soll das Material daraufhin untersucht werden, wie TheaterautorInnen damit umgehen, dass sowohl die Täterperspektive (aufgrund des Selbstmords bzw. des Schweigens der mutmaßlichen TäterInnen) als auch die Opferperspektive (weil den Opfern die Opferperspektive nicht zugestanden wurde, sondern sie als TäterInnen verdächtigt wurden) als Leerstelle zu begreifen sind. Hier wird die These verfolgt, dass die TheaterautorInnen dazu verschiedene Konzepte von Zeugenschaft wählen bzw. neu konstituieren. Das Herausarbeiten dieser verschiedenen Konzepte steht im Zentrum der Arbeit. Neben Opfern und Tätern soll der Fokus auch auf die ZuschauerInnen gerichtet werden (und zwar im doppelten Wortsinn, also als ZuschauerInnen der Taten des „NSU“ sowie als TheaterzuschauerInnen). Ausgehend von dieser Perspektive sollen zuletzt didaktische Potentiale der konkreten Stücke sowie der Konzepte von Zeugenschaft allgemein (v.a. für den Deutschunterricht) herausgearbeitet werden, die den Bereichen „Politische Bildung“ sowie „Entwicklung von Medienkompetenz“ zuzuordnen sind.

7.10.2015

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Anna Brod: Elfriede Jelinek: „Das schweigende Mädchen“

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Elfriede Jelineks Theatertext Das schweigende Mädchen stellt eine von mehr als 10 theatralen Auseinandersetzungen mit dem „NSU“ – dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (Selbstbezeichnung), zu dem sich mutmaßlich Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zusammengeschlossen hatten – dar, deren Inszenierungen seit der Spielzeit 2013/14 an deutschen Theatern Premiere hatten. Der Text und seine Inszenierung durch Johan Simons (Münchner Kammerspiele, UA 2014) sollen in meinem Dissertationsprojekt analysiert und mit anderen theatralen Arbeiten zum „NSU“ verglichen werden.
Bei Das schweigende Mädchen überwiegt eine Meta-Perspektive auf den „NSU“ und den gesellschaftlichen Umgang damit: Der Fokus liegt nicht – wie in anderen Theaterprojekten – vorrangig auf Tätern (z.B. „Rechtsmaterial“, „Der weiße Wolf“) oder Opfern (z.B. „Urteile“, „Schmerzliche Heimat“); stattdessen wird im setting eines Gerichts, das zwischen der Darstellung des Jüngsten Gerichts und einer verfremdeten Wiederholung der Prozessabläufe im Münchner Oberlandesgericht (sog. „NSU-Prozess“) changiert, die Aufarbeitung des „NSU“ in Gericht, Gesellschaft und Medien verhandelt.
Bei der Analyse des Dramentextes soll dementsprechend v.a. auf die Beziehung von Theater und Gericht eingegangen werden: Welchen Status haben die im SZ-Magazin veröffentlichten Gerichtsprotokolle als Quelle für Jelinek, d.h. welche Textpassagen wurden ausgewählt und wie wurden sie bearbeitet? Welche Wirkung entsteht, wenn ein Gericht, das von sich aus eine theatrale Dimension mitbringt (vgl. C. Vismann: Das theatrale Dispositiv des Gerichts), auf der Bühne abgebildet wird? etc.
Bei der Analyse der Inszenierung hingegen ist danach zu fragen, wie die Textflächen, aus denen Das schweigende Mädchen besteht, in der Simons’schen Inszenierung auf die Bühne gebracht werden: Welche Textauswahl wird in der Strichfassung getroffen? Welche Entscheidungen bezüglich der Darstellung liegen der Inszenierung zugrunde? etc.

7.10.2015

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Hannah S. Otten: Dekonstruktion weiblicher Sexualität: Jelineks „Lust“ und Roches „Feuchtgebiete“

Bachelorarbeit

Die vorliegende Bachelorarbeit analysiert Elfriede Jelineks Lust und Charlotte Roches Feuchtgebiete hinsichtlich ihrer Konzeptionen von Weiblichkeit. Anhand der feministischen Theoreme von Simone de Beauvoir, Luce Irigaray und insbesondere Judith Butler werden beide Romane auf ihren emanzipatorischen Gehalt untersucht. Befreien die Autorinnen das gesellschaftliche Konstrukt „Frau“ von der männlich repressiven Perspektive? Während Jelinek im scheinbar pornographischen Habitus das Konstrukt „Frau“ dekonstruiert, übernimmt Roche das männlich determinierte Konzept weiblicher Sexualität und erweitert dieses um eine weitere Variante.

7.10.2015

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Natalia Fuhry: „Ihr Geld ist ja nicht weg, das hat jetzt nur ein anderer.“ – Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Auch wenn häufig Kritik laut wird, dem Theater mangele es im Gegensatz zu Medien wie Internet, Zeitung und Fernsehen an aktuellen Themen, lässt sich mit Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie ein treffliches Gegenbeispiel anbringen. Noch bevor sich weltweit die Auswirkungen der ersten Finanzkrise des 21. Jahrhunderts bemerkbar machten, in der Banken, Groß- und Kleinunternehmen sowie private Anleger Bankrott erlitten, hatte die österreichische Literaturnobelpreisträgerin im Jahr 2007 begonnen, diesem Sujet ein theatrales Erscheinungsbild zu verleihen. Ausgehend von der Krise österreichischer Banken beschreibt Jelinek die Auswüchse des Kapitalismus und macht dabei die gesellschaftlichen Folgen literarisch deutlich.
So gab es mit der Uraufführung von Jelineks Text am Schauspiel Köln schon im April 2009 eine künstlerische Reaktion auf die damalige Weltfinanzkrise, deren Auswirkungen auch noch heute beispielsweise in der Kontroverse um die griechische Staatsverschuldung zu beobachten sind.
Über die inhaltliche Komponente hinaus macht Jelinek auch die Sprache der wirtschaftlichen Geschehnisse zur gestalterischen Grundlage des Dramentextes. Denn die Autorin dekonstruiert mit ihrem kompositorischen Stil die ökonomischen Prozesse, verzichtet auf Figuren und personifiziert stattdessen Geld, Banken und Börsenkurse. Durch Wortneuschöpfungen und Slogans wie „Minuswachstum“ und „Verluste erwirtschaften“ (er)findet sie eine eigene theatrale Sprache der ökonomischen Krise.
An den aktuellen Performanzdiskurs anknüpfend, entlarven Die Kontrakte des Kaufmanns die kollektive Leugnung von Verantwortung für wirtschaftliche Entwicklungen. Jedes Individuum ist bei Jelinek Opfer und Täter zugleich, was das Publikum bei der Uraufführung (Regie: Nicolas Stemann) bis hin zu einer körperlichen Ebene zu spüren bekam.

5.10.2015

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Uta Degner: Elfriede Jelinek und der europäische Feminismus

Teilaspekt der Habilitation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Mein Beitrag setzt sich zum Ziel, Elfriede Jelineks feministische Positionierungen (bzw. eine Auswahl davon) genauer unter die Lupe zu nehmen. Angeregt durch die europäische Perspektive des Workshops soll dies stärker als es bislang geschehen ist im Horizont europäischer – v.a. deutscher und französischer (Kristeva, Cixous, Irigaray) – Feminismen erfolgen. Anliegen meines Beitrags ist es, die dahinterliegende, feldinterne ‚Logik‘ von Jelineks oftmals widersprüchlich scheinenden und auch von feministischer Seite kritisierten Aussagen zu rekonstruieren. Neben der diskursiven Seite wird auch die literarische Praxis Teil der Analyse sein.

2.10.2015

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Julia Reichenpfader: Pathologisierte Protagonistinnen

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Reflexartig wurden nach dem Erscheinen von Die Klavierspielerin (1983) die Verhaltensweisen der Protagonistin Erika Kohut pathologisiert.1) Da psychologische Diskurse im Text angelegt sind, ist dies auch wenig verwunderlich. Der Text bietet die Erklärungsmodelle für die psychologischen Interpretationen nicht nur an – er schreit sie den Rezensierenden förmlich entgegen. Dass diese im Text angelegten Bezüge nicht als Interpretationshilfen für die Figur Erika dienen, sondern als Meta-Kommentare fungieren, wurde mittlerweile herausgearbeitet.2) Obwohl eine Pathologisierung den Vorteil hat, Verhaltensmuster aufzuspüren und die Figuren verständlicher zu machen, ist dieses Unterfangen natürlich auch mit Risiken verbunden. Sie kann nicht nur den Weg zu weiteren Lesarten auf den Text verstellen, sondern sie bedient sich auch gesellschaftlicher Normen, die im Text Die Klavierspielerin grundsätzlich in der Kritik stehen.
Auch das im Jahre 2008 erschienene Buch Feuchtgebiete von Charlotte Roche rief extreme Reaktionen hervor. Das Verhalten der Protagonistin Helen Memel wurde in den Rezensionen als „eklig“ und „krank“ bewertet und diente als Fallbeispiel für psychologische Abhandlungen.3) Da Helen stark von dem als „normal“ betrachteten Verhalten (einer jungen Frau) abweicht – sie öffnet ihren Körper und verbreitet ihre Sekrete – liegt die Pathologisierung nahe. Allerdings greift auch hier diese Interpretation zu kurz, da dieser Text zwar auf andere Art und Weise – dennoch nicht weniger intensiv – die gesellschaftlichen Normen aufdeckt und angreift.
Es zeigen sich daher starke Parallelen in beiden Werken, sowohl in Hinblick auf deren Absicht, als auch auf ihre Außenwirkung. Allerdings lassen sich auch inhaltliche
Vergleiche ziehen. So thematisieren beide beispielsweise ein „gestörtes“ Mutter-Tochter-Verhältnis und das Öffnen des eigenen Körpers. Im Gegenüberstellen der Werke werden die Probleme der Pathologisierung der Protagonistinnen deutlich. Durch den Vergleich wird herausgestellt, dass Die Klavierspielerin als Folie für Feuchtgebiete fungieren kann und sich somit neue Lesarten ergeben.

Fußnoten
1) Siehe Anja Meyer: Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse. ‚Die Klavierspielerin‘ und ‚Lust‘ im printmedialen Diskurs. Hildesheim: Olms-Weidmann 1994.
2) Herrad Heselhaus: „Textile Schichten“. Elfriede Jelineks Bekenntnisse einer Klavierspielerin. In: Heilmann, Markus / Wägenbaur, Thomas (Hg.): Im Bann der Zeichen. Die Angst vor Verantwortung in Literatur und Literaturwissenschaft. Würzburg: Königshausen & Neumann 1998, S. 89–101.
3) z.B. Andreas Bilger: Problem „Feuchtgebiete“. Zwischen Hemmung und Offenheit, Takt und Obszönität: Sprechen über das Körperliche und Anstößige. In: Psychoanalyse im Widerspruch, 45 (2011), S. 63–85.

2.10.2015

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Julia Reichenpfader: Die W/wunde Haut. Offene Frauenkörper in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Dissertation

Abstract

Da gerade der weibliche Körper besonderen Reglementierungsmechanismen und Schönheitsdispositiven unterliegt, ist das Öffnen dieses Körpers ein besonders heikles Thema in der westlichen Kulturgeschichte. Wird die Haut – als symbolische Grenze der Gesellschaft – mutwillig geöffnet, entspricht dies dem Anti-Ideal des Frauenkörpers. So wird sie sowohl von Performance-Künstlerinnen seit den 1970er Jahren, als auch von Patientinnen bearbeitet, geöffnet und geritzt. In der Psychiatrie ist der weibliche geöffnete Körper pathologisiert, im ästhetischen Diskurs mit Ekel besetzt worden. Die Dissertation diskutiert die weibliche Körpermodifikation im Spannungsfeld der Medizin, Psychologie und Kunst und macht das gesellschaftskritische Potential des Körperöffnens anhand von Raum- und Körperkonzepten deutlich.
Im Fokus des Dissertationsprojektes stehen Texte deutschsprachiger Schriftstellerinnen der Gegenwart. Die Protagonistinnen in Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin, Charlotte Roches Feuchtgebiete oder Sibylle Bergs Sex 2 sind Grenzgängerinnen: Sie öffnen ihre Haut, entgrenzen ihren Körper, holen ihr Inneres nach außen. Sie gebrauchen, missbrauchen und spielen mit ihren und anderen Körpern. Die Texte werden hinsichtlich ihrer Körperbilder und -diskurse untersucht und miteinander verglichen. Nach ihrem Erscheinen wurden die Werke scheinbar reflexartig im Feuilleton skandalisiert. Diese Reaktion zeigt, dass das vermeintlich eklige und krankhafte Verhalten der Protagonistinnen zunächst nicht auf einer Metaebene wahrgenommen wurde. Die Texte greifen auf verschiedene Art und Weise medizinische und ästhetische Diskurse auf und desavouieren sie. Indem die Protagonistinnen die Körpergrenzen durchbrechen, verweisen sie auf die Grenzen der Gesellschaft innerhalb und – wie sich durch die Reaktion im Feuilleton zeigt – auch außerhalb des Textes.

2.10.2015

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Sebastian Weirauch: „Gegen Ironie sind sie machtlos.“ Eine medienkritische Untersuchung von Elfriede Jelineks subversiver Rhetorik

Dissertation

Abstract

Meine im Jahr 2017 abgeschlossene Dissertation widmet sich dem Werk der österreichischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Aus einer medienkritischen Perspektive untersuche ich in meiner Studie ein zentrales und zutiefst ambivalentes Moment von Jelineks Romanen und Theaterstücken. Verfolgen diese sprachkritischen Texte auch eine aufklärerische Intention, indem sie Machtverhältnisse, Gewaltstrukturen und Verdrängungsmechanismen zum Vorschein bringen wollen, so bedienen sie sich hierzu doch einer subversiven Rhetorik, die den Anspruch aufklärerischer Diskursivität durch Ironie, Provokation und Manipulation systematisch unterwandert. Der Ursprung dieses ambivalenten Sprechens ist in Jelineks Erzählhaltung der Ichlosigkeit zu suchen. Durch ihren antibiographischen, ichlosen Sprechgestus kann die Autorin mediale Diskurse auf listige Weise unterwandern und gesellschaftliche Missstände entlarven. Zugleich jedoch hält sie ihre eigene Position strategisch in der Schwebe und verwickelt die Leser dabei in die agonale Dynamik einer scheinbar von selbst sprechenden Sprache.
Anstatt das Werk der Autorin, wie viele seiner Kritiker, aufgrund seiner ambivalenten Verfasstheit zu deklassieren oder es durch den Rückgriff auf poststrukturalistische Theorien zu verteidigen, frage ich in meiner Dissertation nach den produktiven sowie kritischen Potenzialen von Jelineks subversiver Rhetorik. Methodisch verfolge ich dabei einen immanenten Kritikansatz. Den von Jelinek formulierten medienkritischen, aufklärerischen Anspruch beziehe ich auf ihr eigenes Schreiben, um einen differenzierten Zugang zu dessen Ambivalenzen zu erhalten. In kritischer Distanzierung zu poststrukturalistischen oder dekonstruktivistischen Zugängen orientiert sich meine Studie an den Ansätzen der literarischen Rhetorik, der Erzählforschung und des Close-Readings. Mit der Hilfe dieser methodischen Grundlagen rekonstruiere ich im ersten Kapitel die rhetorische und mediale Verfasstheit von Jelineks ichloser Sprechhaltung. In drei weiteren Kapiteln erörtere ich anschließend anhand dreier exemplarischer Texte die wesentlichen Neuausrichtungen und aporetischen Momente der subversiven Rhetorik. Bei den von mir untersuchten Werken handelt es sich um die Romane Die Ausgesperrten (1980) und Die Kinder der Toten (1995) sowie um den postdramatischen Text Winterreise. Ein Theaterstück (2011).
Wie sich im Verlauf meiner Studie zeigt, finden Jelineks ichlose Rhetorik und die damit einhergehenden Ambivalenzen in jedem dieser drei Werke eine strukturelle Entsprechung; nicht nur hinsichtlich ihrer subversiven Ausrichtung, sondern auch bezüglich der Charaktere, der Handlung und der Motivik. Ich lege außerdem dar, wie Jelinek ihre subversive Rhetorik stetig neu ausgerichtet hat, um immer wieder neue Reibungspunkte zwischen Text und Selbstinszenierung sowie zwischen der Rezeption und dem politisch-literarischem Kontext ihrer Werke zu suchen. In meiner Dissertation wird überdies eine übergreifende Entwicklungstendenz von Jelineks Werk sichtbar: Ist die ambivalente Haltung der Ichlosigkeit zunächst noch ein Medium der strategischen und rhetorischen Zuspitzung, so rückt sie mit der Zeit immer weiter ins Zentrum von Jelineks Schreiben, wo sie als Erfahrungssignatur einer Außenseiterexistenz erkennbar wird.

3.8.2017

Informationen zu Sebastian Weirauch