Uta Degner: Elfriede Jelinek und der europäische Feminismus

Teilaspekt der Habilitation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Mein Beitrag setzt sich zum Ziel, Elfriede Jelineks feministische Positionierungen (bzw. eine Auswahl davon) genauer unter die Lupe zu nehmen. Angeregt durch die europäische Perspektive des Workshops soll dies stärker als es bislang geschehen ist im Horizont europäischer – v.a. deutscher und französischer (Kristeva, Cixous, Irigaray) – Feminismen erfolgen. Anliegen meines Beitrags ist es, die dahinterliegende, feldinterne ‚Logik‘ von Jelineks oftmals widersprüchlich scheinenden und auch von feministischer Seite kritisierten Aussagen zu rekonstruieren. Neben der diskursiven Seite wird auch die literarische Praxis Teil der Analyse sein.

2.10.2015

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Julia Reichenpfader: Pathologisierte Protagonistinnen

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Reflexartig wurden nach dem Erscheinen von Die Klavierspielerin (1983) die Verhaltensweisen der Protagonistin Erika Kohut pathologisiert.1) Da psychologische Diskurse im Text angelegt sind, ist dies auch wenig verwunderlich. Der Text bietet die Erklärungsmodelle für die psychologischen Interpretationen nicht nur an – er schreit sie den Rezensierenden förmlich entgegen. Dass diese im Text angelegten Bezüge nicht als Interpretationshilfen für die Figur Erika dienen, sondern als Meta-Kommentare fungieren, wurde mittlerweile herausgearbeitet.2) Obwohl eine Pathologisierung den Vorteil hat, Verhaltensmuster aufzuspüren und die Figuren verständlicher zu machen, ist dieses Unterfangen natürlich auch mit Risiken verbunden. Sie kann nicht nur den Weg zu weiteren Lesarten auf den Text verstellen, sondern sie bedient sich auch gesellschaftlicher Normen, die im Text Die Klavierspielerin grundsätzlich in der Kritik stehen.
Auch das im Jahre 2008 erschienene Buch Feuchtgebiete von Charlotte Roche rief extreme Reaktionen hervor. Das Verhalten der Protagonistin Helen Memel wurde in den Rezensionen als „eklig“ und „krank“ bewertet und diente als Fallbeispiel für psychologische Abhandlungen.3) Da Helen stark von dem als „normal“ betrachteten Verhalten (einer jungen Frau) abweicht – sie öffnet ihren Körper und verbreitet ihre Sekrete – liegt die Pathologisierung nahe. Allerdings greift auch hier diese Interpretation zu kurz, da dieser Text zwar auf andere Art und Weise – dennoch nicht weniger intensiv – die gesellschaftlichen Normen aufdeckt und angreift.
Es zeigen sich daher starke Parallelen in beiden Werken, sowohl in Hinblick auf deren Absicht, als auch auf ihre Außenwirkung. Allerdings lassen sich auch inhaltliche
Vergleiche ziehen. So thematisieren beide beispielsweise ein „gestörtes“ Mutter-Tochter-Verhältnis und das Öffnen des eigenen Körpers. Im Gegenüberstellen der Werke werden die Probleme der Pathologisierung der Protagonistinnen deutlich. Durch den Vergleich wird herausgestellt, dass Die Klavierspielerin als Folie für Feuchtgebiete fungieren kann und sich somit neue Lesarten ergeben.

Fußnoten
1) Siehe Anja Meyer: Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse. ‚Die Klavierspielerin‘ und ‚Lust‘ im printmedialen Diskurs. Hildesheim: Olms-Weidmann 1994.
2) Herrad Heselhaus: „Textile Schichten“. Elfriede Jelineks Bekenntnisse einer Klavierspielerin. In: Heilmann, Markus / Wägenbaur, Thomas (Hg.): Im Bann der Zeichen. Die Angst vor Verantwortung in Literatur und Literaturwissenschaft. Würzburg: Königshausen & Neumann 1998, S. 89–101.
3) z.B. Andreas Bilger: Problem „Feuchtgebiete“. Zwischen Hemmung und Offenheit, Takt und Obszönität: Sprechen über das Körperliche und Anstößige. In: Psychoanalyse im Widerspruch, 45 (2011), S. 63–85.

2.10.2015

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Julia Reichenpfader: Die W/wunde Haut. Offene Frauenkörper in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Dissertation

Abstract

Da gerade der weibliche Körper besonderen Reglementierungsmechanismen und Schönheitsdispositiven unterliegt, ist das Öffnen dieses Körpers ein besonders heikles Thema in der westlichen Kulturgeschichte. Wird die Haut – als symbolische Grenze der Gesellschaft – mutwillig geöffnet, entspricht dies dem Anti-Ideal des Frauenkörpers. So wird sie sowohl von Performance-Künstlerinnen seit den 1970er Jahren, als auch von Patientinnen bearbeitet, geöffnet und geritzt. In der Psychiatrie ist der weibliche geöffnete Körper pathologisiert, im ästhetischen Diskurs mit Ekel besetzt worden. Die Dissertation diskutiert die weibliche Körpermodifikation im Spannungsfeld der Medizin, Psychologie und Kunst und macht das gesellschaftskritische Potential des Körperöffnens anhand von Raum- und Körperkonzepten deutlich.
Im Fokus des Dissertationsprojektes stehen Texte deutschsprachiger Schriftstellerinnen der Gegenwart. Die Protagonistinnen in Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin, Charlotte Roches Feuchtgebiete oder Sibylle Bergs Sex 2 sind Grenzgängerinnen: Sie öffnen ihre Haut, entgrenzen ihren Körper, holen ihr Inneres nach außen. Sie gebrauchen, missbrauchen und spielen mit ihren und anderen Körpern. Die Texte werden hinsichtlich ihrer Körperbilder und -diskurse untersucht und miteinander verglichen. Nach ihrem Erscheinen wurden die Werke scheinbar reflexartig im Feuilleton skandalisiert. Diese Reaktion zeigt, dass das vermeintlich eklige und krankhafte Verhalten der Protagonistinnen zunächst nicht auf einer Metaebene wahrgenommen wurde. Die Texte greifen auf verschiedene Art und Weise medizinische und ästhetische Diskurse auf und desavouieren sie. Indem die Protagonistinnen die Körpergrenzen durchbrechen, verweisen sie auf die Grenzen der Gesellschaft innerhalb und – wie sich durch die Reaktion im Feuilleton zeigt – auch außerhalb des Textes.

2.10.2015

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Sebastian Weirauch: „Gegen Ironie sind sie machtlos.“ Eine medienkritische Untersuchung von Elfriede Jelineks subversiver Rhetorik

Dissertation

Abstract

Meine im Jahr 2017 abgeschlossene Dissertation widmet sich dem Werk der österreichischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Aus einer medienkritischen Perspektive untersuche ich in meiner Studie ein zentrales und zutiefst ambivalentes Moment von Jelineks Romanen und Theaterstücken. Verfolgen diese sprachkritischen Texte auch eine aufklärerische Intention, indem sie Machtverhältnisse, Gewaltstrukturen und Verdrängungsmechanismen zum Vorschein bringen wollen, so bedienen sie sich hierzu doch einer subversiven Rhetorik, die den Anspruch aufklärerischer Diskursivität durch Ironie, Provokation und Manipulation systematisch unterwandert. Der Ursprung dieses ambivalenten Sprechens ist in Jelineks Erzählhaltung der Ichlosigkeit zu suchen. Durch ihren antibiographischen, ichlosen Sprechgestus kann die Autorin mediale Diskurse auf listige Weise unterwandern und gesellschaftliche Missstände entlarven. Zugleich jedoch hält sie ihre eigene Position strategisch in der Schwebe und verwickelt die Leser dabei in die agonale Dynamik einer scheinbar von selbst sprechenden Sprache.
Anstatt das Werk der Autorin, wie viele seiner Kritiker, aufgrund seiner ambivalenten Verfasstheit zu deklassieren oder es durch den Rückgriff auf poststrukturalistische Theorien zu verteidigen, frage ich in meiner Dissertation nach den produktiven sowie kritischen Potenzialen von Jelineks subversiver Rhetorik. Methodisch verfolge ich dabei einen immanenten Kritikansatz. Den von Jelinek formulierten medienkritischen, aufklärerischen Anspruch beziehe ich auf ihr eigenes Schreiben, um einen differenzierten Zugang zu dessen Ambivalenzen zu erhalten. In kritischer Distanzierung zu poststrukturalistischen oder dekonstruktivistischen Zugängen orientiert sich meine Studie an den Ansätzen der literarischen Rhetorik, der Erzählforschung und des Close-Readings. Mit der Hilfe dieser methodischen Grundlagen rekonstruiere ich im ersten Kapitel die rhetorische und mediale Verfasstheit von Jelineks ichloser Sprechhaltung. In drei weiteren Kapiteln erörtere ich anschließend anhand dreier exemplarischer Texte die wesentlichen Neuausrichtungen und aporetischen Momente der subversiven Rhetorik. Bei den von mir untersuchten Werken handelt es sich um die Romane Die Ausgesperrten (1980) und Die Kinder der Toten (1995) sowie um den postdramatischen Text Winterreise. Ein Theaterstück (2011).
Wie sich im Verlauf meiner Studie zeigt, finden Jelineks ichlose Rhetorik und die damit einhergehenden Ambivalenzen in jedem dieser drei Werke eine strukturelle Entsprechung; nicht nur hinsichtlich ihrer subversiven Ausrichtung, sondern auch bezüglich der Charaktere, der Handlung und der Motivik. Ich lege außerdem dar, wie Jelinek ihre subversive Rhetorik stetig neu ausgerichtet hat, um immer wieder neue Reibungspunkte zwischen Text und Selbstinszenierung sowie zwischen der Rezeption und dem politisch-literarischem Kontext ihrer Werke zu suchen. In meiner Dissertation wird überdies eine übergreifende Entwicklungstendenz von Jelineks Werk sichtbar: Ist die ambivalente Haltung der Ichlosigkeit zunächst noch ein Medium der strategischen und rhetorischen Zuspitzung, so rückt sie mit der Zeit immer weiter ins Zentrum von Jelineks Schreiben, wo sie als Erfahrungssignatur einer Außenseiterexistenz erkennbar wird.

3.8.2017

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Sebastian Weirauch: Negative Wiederholungen ‒ Eine Entwicklungsgeschichte von Elfriede Jelineks Politischer Ästhetik

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Meine Grundthese lautet, dass die Erzählfigur der negativen Wiederholung für Jelineks Politische Ästhetik eine zentrale Rolle spielt ‒ damit steht ihr Werk in einem spannungsreichen Verhältnis zu
anderen Poetiken der Wiederholung (Stifter, Beckett, Bernhard, Grillet, Handke, Sebald).
Jelineks negative Wiederholungen entfalten sich in einer narrativen Strategie, mit der offensichtliche, aber übergangene Wahrheiten umkreist werden, um sie erzählerisch oder rhetorisch
gegen Verdrängungswiderstände zu konkretisieren und durchzusetzen. Negativ sind diese Wiederholungen nicht nur durch die Ästhetik des Untoten, sondern ebenso durch ihre medien- sowie sprachkritische Stoßrichtung. Statt der Erfahrung von Umittelbarkeit bringen sie die Erfahrung als ein Negativum zum Ausdruck. Auf diese Weise halten sie den Riss zwischen Diskurs und Ereignis, Vergangenheit und Gegenwart offen.
Im Laufe von Jelineks Schaffen hat sich diese Konstellation von Wiederholung, Negativität, Politik und Ästhetik in ihrem Werk stetig verschoben und krisenhafte Entwicklungen durchlaufen, was auf einen tiefsitzenden Konflikt innerhalb der Politischen Ästhetik hindeutet. Dieser Konflikt besteht im grundlegenden Widerspruch zwischen dem jeder politisch-aufklärerischen Poetik eigenen Anspruch, allgemeine Wahrheit und Überzeugungskraft entwickeln zu müssen, und dem gleichzeitigen Bedingtsein ihres ästhetischen Effekts in einer Fiktionalisierung, die immer auch das
Echo der partikularen Poiesis und Aisthesis eines schreibenden Autorensubjekts bleibt. Jelineks subversive Entfernung des Subjektiven aus ihrem Werk ist in diesem Licht betrachtet als eine prekäre Lösungsstrategie dieses Konflikts aufzufassen und gleichermaßen auch als Ausdruck einer Erfahrung von Ichlosigkeit, die sich selbst negativ und damit in Differenz zum bereits Gesagten entwirft.
In meiner Untersuchung zeichne ich die Entwicklungslinien von Jelineks Politischer Ästhetik nach. Zur Rekonstruktion der Erzählfigur der negativen Wiederholung untersuche ich zunächst summarisch das Frühwerk der Autorin, um dann anhand dreier exemplarischer Texte (Die Ausgesperrten, Die Kinder der Toten, Winterreise) nachzuzeichnen, wie und warum die entscheidende Konstellation von Jelineks Politischer Ästhetik immer wieder Krisen durchlief und sich zu reaktualisieren hatte.

2.10.2015

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Priska Seisenbacher: Die Griechenlandkrise als Ausgangspunkt einer Kapitalismuskritik bei Elfriede Jelinek

Teilaspekt der Diplomarbeit
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Die Griechenlandkrise als brisantes Politikum der Gegenwart wird von Elfriede Jelinek aufgegriffen, um über die konkrete Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen in Griechenland hinaus eine Kritik am geltenden Wirtschaftssystem zu markieren. In den ausgewählten Werken Jelineks wird der neue Mut zum Unmoralischen in einer zunehmend ökonomisierten Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft entlarvt und entpuppt sich als Resultat des Wirtschaftssystems und seiner Glaubensgrundsätze. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit im Kapitalismus ist ein tragendes Element der Kritik der Autorin. Angesichts des marktwirtschaftlichem Prinzips und kapitalistischer Interessen, denen sich ganze Staaten samt ihrer Einwohner/Einwohnerinnen beugen müssen, steht schließlich die Frage nach der Demokratie im Raum.
Die Kapitalismuskritik Jelineks zeigt sich zudem feministisch motiviert. So zeigt die Autorin, dass die patriarchalische Gesellschaft ein fester Bestandteil des kapitalistischen Systems ist. Die Ökonomie bietet in der kapitalistischen Welt den Raum für eine institutionalisierte Männerherrschaft, die über einfache patriarchale Strukturen hinausgeht. In Opposition zur
männlich dominierten Finanzmarktwirtschaft steht die Reproduktionsfunktion der Frau im Kapitalismus.
Jelinek ist bekannt für ihre Kritik am Christentum oder an der katholischen Kirche. Demnach ist es auch als ein Teil der Kapitalismuskritik anzusehen, wenn zwischen dem geltenden Wirtschaftssystem und der Religion Verknüpfungen hergestellt und Ähnlichkeiten herausgearbeitet werden. Die Zurschaustellung des religiösen Charakters, den der Kapitalismus nunmehr einnimmt, dient als Mittel der Infragestellung der uneingeschränkten Machtposition und –strukturen des Wirtschaftssystems.
Anzumerken bleibt, dass die Literaturästhetik der Autorin unweigerlich im Zusammenhang mit der inhaltlichen Kritik steht. Jelinek entwirft Sprechinstanzen, deren unverblümte Sprache Strukturen und Gedanken freilegen, die sonst im Verborgenen bleiben.

29.9.2015

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Sarah Neelsen: Paratext und Paragone. Der Wettstreit der Künste im essayistischen Werk

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Das essayistische Werk Elfriede Jelineks überrascht und beeindruckt über seinen Umfang von mehreren hundert Texten hinaus durch seine sehr breite thematische Ausrichtung. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich der Themenbereich, zu dem sie von Zeitungen und Zeitschriften zu Wort gebeten wurde, immer mehr und überschritt die Grenzen der Literatur nicht nur hin zur Politik. Zu fast alle anderen Kunstformen verfasste sie Einführungen und Rezensionen. So schrieb sie zur Musik (Schubert, Olga Neuwirth), zum Film (Leni Riefenstahl, Werner Schroeter), zum Theater (Tabori, Johan Simons), zur Fotografie (Frédéric Brenner), zur bildenden Kunst (Bruno Gironcoli), zur Malerei (Jürgen Messensee, Florentina Pakosta) und zur Mode (Junya Watanabe). Obwohl ihre Texte eigentlich immer nur einzelne Künstler oder sogar einzelne Werke behandeln, unabhängig voneinander bei ihr in Auftrag gingen und vorwiegend unabhängig voneinander rezipiert werden, ergibt sich aus ihrer Sammlung ein deutlicher Vergleich der Künste ganz im Sinne des traditionsreichen Paragone.
Der Wettstreit der Künste entbrannte in Italien zu Zeiten der Renaissance, Dürer und Da Vinci nahmen daran teil, und auch Lessing leistete noch 1766 mit seinem Laokoon einen wesentlichen Beitrag dazu. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verebbte er allmählich und wer ihn im 20. Jahrhundert wiederaufgriff, der bezog sich auf ältere Kunstwerke. Warum greift also Elfriede Jelinek darauf zurück, und wie gelingt es ihr überhaupt, neure Kunstformen wie Fotografie und Mode in die Diskussion einzubringen? Nach welchen Kriterien erfolgt ihre Wertung und was besagen sie über ihre eigene Kunstpraxis?

28.9.2015

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Elisabeth Günther: Konfigurationen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Theatertexten

Teilaspekt der Disseration
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

In meinem Beitrag für die Tagung „Elfriede Jelinek und die europäischen Literaturen“ sollen einige Thesen meiner Dissertation Konfigurationen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Theatertexten in Bezug auf die Theatertexte Bambiland und Babel diskutiert werden. Leitende Fragestellung wird sein, wie Jelinek die Funktionsweisen und Mechanismen von Medien im Unheimlichen verortet, indem ihre Texte facettenreich den Entzug der Präsenz in der medialen Darstellung inszenieren. In der exzessiven Betonung von Medialität wird das dargestellte Ereignis mehr und mehr zu einem gespenstischen Akt. In Bambiland kann dies insbesondere an der teichoskopischen Form der Botenrede untersucht werden. Es wird danach gefragt, wie die spezifische Prägung der Mauerschau im Text das Ereignis, von dem vorgeblich berichtet wird, als Leerstelle markiert und gleichzeitig das Medium des Berichtens, die Botenstimme, ins Zentrum des Interesses rückt. Als These gilt hier, dass sowohl das Ereignis als auch das (berichtende) Medium phantasmatische Züge aufweisen, sich als Anwesende erst in ihrer Abwesenheit beweisen und so im Kontext medialer Darstellung in eine unheimliche Dynamik treten.
Bei der Untersuchung von Babel soll der dritte Monolog, Peter sagt, herangezogen werden. Der Fokus im Horizont des Unheimlichen liegt dabei auf dem kybernetischen Verhältnis zwischen Mediennutzer und Medium, welches der Text inszeniert und damit die Bedingungen der Entstehung von (medialer) Realität in der wechselseitigen unbewusst bzw. automatisiert ablaufenden Beeinflussung von Mensch und Maschine verortet. Als Folge dieses kybernetischen Verhältnisses inszeniert Peter sagt die medialen Bilder als eigentliche Akteure und stellt diesen den Menschen als zunehmend passiv gegenüber. So scheint das Leben der Bilder im Text die Mortifikation der Abgebildeten mit sich zu bringen.

28.9.2015

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Elisabeth Günther: Konfigurationen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Theatertexten

Dissertation

Abstract

Eine der wenigen direkten Nennungen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Texten findet sich in dem 1984 verfassten Theatertext Krankheit oder Moderne Frauen. Hier spricht Dr. Heidkliff Facharzt für Kiefer- und Frauenheilkunde zu seiner untoten Frau, der homosexuellen Krankenschwester und Vampirin Emily: „Was seid ihr doch für unheimliche Gesellen. Wir lebendigen atmenden Menschen stehen im schönsten Gegensatz zu euch.“ (S. 227)
Jelineks Werk ist thematisch von dem Motiv der Untoten geprägt. Durch ihre Tex­te geistern Zombies, Vampire, Gespenster und andere Arten von Wiedergängern. Dieser Bogen spannt sich vom Vampirmotiv in DER FREMDE! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs (1969), wie auch in Krankheit oder Moder­ne Frauen über ihr Opus Magnum, dem Roman Die Kinder der Toten (1995), in dem „Unleben­dige über Leichen gehen und Untote fröhlich ‚Urständ‘ feiern“ (Löffler 2004) bis zu dem untoten Selbstmordattentäter Mohammed Atta, dem Jelinek in Babel (2004) eine Stimme verleiht, um die Ereignisse von 9/11 zu reflektieren.
Jedoch wird nicht nur in Krankheit oder Moderne Frauen schnell deutlich, dass es nicht so sehr das vampirische Dasein der Figuren ist, das sie unheimlich werden lässt, sondern letztendlich alle Figuren im Text unheimlich werden, auch die vorgeblich „lebendigen, atmenden Menschen“. In einem Interview von 1989 formuliert Jelinek den Wunsch, im Theater „Unbelebtes [zu] erzeugen“ (Roeder 1989): „Ich will dem Theater das Leben aus­trei­ben. Ich will kein Theater.“ (ebd.) Dabei stellt die Verlebendigung der Figur im traditionellen bürgerlichen Repräsentationstheater den zentralen Angriffspunkt ihrer negativen Theaterästhetik dar. Die inhaltliche Fokussierung auf das Untote korrespondiert also mit der formalästhetischen Ebene insbesondere ihrer Theatertexte. Ihre Stücke sind radikal dekonstruktivistisch, ihr spezifisches Verfahren der Intertextualität dekuvriert den Doppelcharakter des Zi­tierens als Mortifika­tion und Neubelebung der Vergangenheit (Annuß 2005) und ihre negative Theaterästhetik ist explizit an das Motiv des Untoten gekoppelt.
Die Dissertation schließt an die aktuell virulente Forschung zum Untoten in Jelineks Werk an (Annuß/Heimann/Mertens), fokussiert dabei jedoch das Unheimliche als Indikator für die Verunsicherung von Belebtheitsverhältnissen. Darüber hinaus wird der These nachgegangen, dass Jelineks Fokus auf das Untote und die Inklination ihrer Texte zum Unheimlichen vornehmlich mit Medialität zusammenhängt. Die Konjunktur, die das Unheimliche seit den 1980er-Jahren erlebt, ist im Zu­sammenhang mit der fortschreitenden Medialisierung unserer Gesellschaft zu verstehen (Masschelein 2014). Darin wird das Unheimliche zur prinzipiellen Grundstimmung in der Post­mo­der­ne (Lutz 2006) als einer Epoche, die sich zum einen mit ihrem Präfix ‚post‘ dadurch auszeichnet, das Ende aller möglichen Gewissheiten auszurufen (das Ende der Geschichte, des Subjekts, des Theaters etc.) und zum anderen aufgrund einer allumfassenden elektronisch-digitalen Medialisierung eine Nachträglichkeit und Mittelbarkeit ins Spiel gebracht wird, die die Eindeutigkeit von Belebtheit und Authentizität des Menschen in Frage stellt.
Die Arbeit kann nachweisen, dass Jelinek eben diesen Mechanismus des Medialen im Unheimlichen verortet, indem ihre Texte facettenreich den Entzug der Präsenz in der Darstellung inszenieren. „Medien sind Instrumente des Un­heim­lichen“, konstatiert Hans-Friedrich Bor­mann in Anlehnung an Friedrich Kittler. „Sie erzeugen und garantieren ‚Wirklich­keit‘. Insoweit sich Medialität insge­samt als blin­der Fleck der Wahr­neh­mung erweist, bleiben ihre strukturellen Voraussetzun­gen un­sicht­bar.“ (Bormann 2001) Jelinek sucht eben diese „strukturellen Voraussetzungen“ sichtbar zu machen und weist in ihren Texten exzessiv auf Medialität hin; mit der Beto­nung der Medialität wird dabei das dargestellte Ereig­nis mehr und mehr zu einem gespenstischen Akt. Als Phantasma, das sich als Anwesen­des erst in seiner Abwesenheit beweist, tritt das Ereignis im Kontext seiner medialen Dar­stel­lung in eine unheimliche Dynamik.
In der Untersuchung von Jelineks Theatertexten mit dem Fokus auf das Unheimliche im Horizont der Kategorie des Medialen leistet die Arbeit so nicht nur einen Beitrag zur Erforschung eines zentralen Topos im Werk der Autorin, sie gibt auch Aufschluss über die im Kontext des postdramatischen Theaters zentralen Kategorien von Ereignis, Darstellung und Repräsentation. Darüber hinaus erschließt sie neue Aspekte des Unheimlichen, die Jelineks Texte zu denken geben. Die Studie verfolgt also einen doppelten Ansatz, indem sie zum einen das Unheimliche als Instrument gebraucht, um die Texte der österreichischen Nobelpreisträgerin zu analysieren und dabei zum anderen neue Erkenntnisse für die seit den 1980er Jahren in der Forschung virulente Kategorie des Unheimlichen erarbeiten kann.

28.9.2015

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Bernadette Michlmayr: Von der Subjektlosigkeit der Frau. Patriarchale Machtstrukturen in Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“

Seminararbeit

Im 1984 erschienenen Theaterstück Krankheit oder Moderne Frauen postuliert Jelinek, dass zwischen Männern und Frauen keine (friedliche und egalitäre) Beziehung mehr moglich sei. Nicht nur die Verortung der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft wird detailliert reflektiert, sondern auch die Reduktion der Frau auf ihren Korper wird von Jelinek kritisch beleuchtet. Im Zuge dieser Seminararbeit sollen daher die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in Jelineks Stück Krankheit oder moderne Frauen ausführlich betrachtet und diskutiert werden. Jelineks Auffassung des stereotypen Gesellschaftsbildes von Weiblichkeit wird anhand der Darstellung der beiden Protagonistinnen Emily und Carmilla erörtert. Die Analyse der Figuren zeigt ihren Status als Objekte und lässt auf die Unmoglichkeit einer Subjektwerdung der Frau schließen. Allerdings werden auch die subversiven Praktiken Jelineks, mit denen sie verschiedenste Binaritaten im Stück dekonstruiert, erläutert. Eine potentielle Subjektwerdung der Protagonistinnen sowie deren gescheiterter Versuch, einen Gegendiskurs zu etablieren, werden adressiert. Zuletzt wird die Metapher des Vampirismus ausführlich behandelt, um so Parallelen zwischen der Subjektlosigkeit des Vampirs und jener der Frau ziehen zu können.

14.9.2015

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