Hans Jürgen Rabko: Die letzten Tage der Menschheit

Es wird jetzt so viel über diesen Todesmarsch geklagt, nein, wird es nicht, kennen Sie den schon? […] Da waren 150 österr. Gemeinden samt Gemeindeämtern, wo die Gemeinde auf den Punkt gebracht wird, auch heute noch, und dort blieben Erschossene und vor Erschöpfung Verstorbene erst mal zurück, aber es blieben immer noch welche übrig, also was tun? (Neid 1,19) Weiterlesen

Piari Nazmun Nesa: „Die Klavierspielerin“ in bengalischer Sprache

Im Herbst 2004 habe ich auf der Frankfurter Buchmesse ein großes Photo von Elfriede Jelinek gesehen mit der Bekanntgabe, daß sie den Literaturnobelpreis erhalten hat. Mir fiel auf, daß sie bei ihrer Schminke und ihrem Stil der Frisur sehr bewußt versucht, eine Harmonie in ihrer Ausstrahlung zu erreichen. Im Kontrast dazu scheut sie die Öffentlichkeit oder das Zusammensein in größeren Gruppen. Ich wurde neugierig auf sie und begann über sie und ihr Werk zu recherchieren. Mir wurde bewußt, daß diese Schriftstellerin an ihrem Haus in Wien kein Namensschild hat. Weiterlesen

Sead Muhamedagic: Denkfragment

Bevor ich Elfriede Jelinek als Leser und später auch als Übersetzer begegnete, hörte ich oft ihre Stellungnahmen im Radio und las Interviews, in denen sie alle möglichen Themen des aktuellen Alltags eigenartig kommentierte. Obgleich sie sich dabei relativ einfach ausdrückte, konnte ich schon auf Grund der Pointierung feststellen, daß auch in solchen Situationen eine Literatin am Werk ist. Im Herbst 1995 kaufte ich mir ihren damals erst unlängst erschienenen Roman Die Kinder der Toten. Über ihre früheren Werke war ich zwar gut informiert, aber als Leser befand ich mich in einem echten Neuland. Weiterlesen

Violanta de Raulino: Ikarus (Statement zur Produktion)

E. Jelineks Text Ikarus. Ein höheres Wesen vergegenwärtigt uns die Zwiespältigkeit und auch die Widersprüchlichkeit, in die der Mensch als ein Wesen gestellt ist, das zwar die Möglichkeit besitzt an der metaphysischen Welt teil zu haben, aber die Fesseln der physischen Gebundenheit nicht abstreifen kann. An diesem Moment kommt die Technik ins Spiel, die – um mit Peter Sloterdijk zu sprechen – da beginnt, wo der Mensch begonnen hat das Wünschen zu lernen. Ich denke, am Thema Fliegen kann man diesen Problemkreis, in dem sich der Mensch schon seit Urzeiten bewegt, am deutlichsten festmachen. Weiterlesen

Claudia Baricco: Elfriede Jelinek lesen

Als ich Elfriede Jelineks Texte Bambiland und Babel zu übersetzen anfing, stellte sich bei mir folgende Frage: „Haben die Nobelpreisjuroren ihre Texte wirklich gelesen?“ Ich war von einer Antwort fest überzeugt und die lautete: höchstwahrscheinlich nicht; jedenfalls sicherlich nicht viele. Um Jelinek einen Nobelpreis zu verleihen, ist es unumgänglich, ihre Texte in der Originalfassung zu lesen. – Erst vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass der alte Nobelpreisjuror Knut Ahnlund eingestanden hat, dass er, als Jelinek den Preis bekam, noch keine Zeile von ihr gelesen hatte. „Wer hat Jelinek gelesen?“, fragte ich mich damals. Ich selber jedenfalls nicht, obwohl ich schon einige Jahre davor im Rahmen meiner Tätigkeit als Filmuntertitelschreiberin einen Dokumentarfilm über die Autorin übersetzt hatte und dann voller Begeisterung ein paar Zeitungsartikel über ihr Werk und Denken geschrieben hatte. Diese erweckten übrigens sehr großes Interesse in Buenos Aires. Weiterlesen

Michael Schmidt: Und die Tradition

Tagungsbericht

Unter diesem ganz offensichtlich der Goethe-Philologie geschuldeten Titel trafen sich vom 1.-3. Juni 2006 in der kleinen nordnorwegischen Universitätsstadt Tromsø etwa zwanzig jüngere, bislang zumeist noch wenig etablierte Forscherinnen und Forscher aus den USA, Belgien, Deutschland, Österreich, Ungarn, Polen, Litauen und Norwegen, um das Werk Elfriede Jelineks zu diskutieren. Arrangiert und durchgeführt wurde die Konferenz von der Tromsøer Literaturwissenschaftlerin Cathrine Theodorsen, deren Leopold von Andrian und dem Wiener Dilettantismus um 1900 gewidmete Dissertation soeben erscheint. Weiterlesen

Slavo Šerc: Die Liebhaberinnen und Lust auf Slowenisch

Meine erste übersetzerische Beschäftigung mit Elfriede Jelinek datiert aus dem Jahr 1994. Damals habe ich für die slowenische Literaturzeitschrift „Literatura“, Heft 42, einen Auszug aus dem Roman Die Liebhaberinnen übersetzt. Ich habe damals, nachdem ich an der Universität Ljubljana die Slowenische Sprache und Literatur und Vergleichende Literaturgeschichte studiert hatte und dann als Lektor für die Slowenische Sprache in Regensburg und München tätig war, vor allem Essays und Rezensionen über die deutsche Literatur geschrieben und nur sporadisch einige Autoren für Zeitungen und Literaturzeitschriften übersetzt. Weiterlesen

Evelyn Annuß: Elfriede Jelinek – Theater des Nachlebens (Buchvorstellung)

AnnußWer spricht? In dieser Frage gründet die politische Sprengkraft von Elfriede Jelineks Zitierpraxis. An der Schnittstelle zwischen Rhetorik und Theaterwissenschaft analysiert Evelyn Annuß exemplarisch, wie Jelineks Stücke durch die darin erprobte Form der Rede die Aufführungsbedingungen stellvertretenden Sprechens reflektieren und hierzu die theatrale Situation in Anspruch nehmen: Als Krisenexperimente personaler Referenz zeugen sie vom Mechanismus einer Theatralik des Persönlichen, die die Lesbarkeit von Politik und Geschichte nahe legt und zugleich verstellt. Von diesem Befund aus eröffnet Theater des Nachlebens den Ausblick auf ein potenzielles ‚Theater der Zukunft‘, das sich im Streit über die Voraussetzungen gegenwärtiger Politik konstituiert. Weiterlesen

Elisabeth Beanca Halvorsen: Übersetzungen von Elfriede Jelinek ins Norwegische

halvorsen_bild1Die norwegische Presse hat am 7. Oktober 2004 jemanden gesucht, die die „völlig unbekannte Österreicherin Elfriede Jelinek“ kannte. Sie sind dann auf meine wissenschaftliche Arbeit Das Phänomen Elfriede Jelinek (Universität Oslo 2004) gestoßen und ich habe Interviews gegeben und Zeitungsartikel geschrieben, was wiederum eine Literaturdebatte ausgelöst hat. In der Zeit nach der Nobelpreisverleihung habe ich Vorlesungen und Seminare gehalten zu den unterschiedlichsten Themen in Jelineks Werk und Tun. Ich hatte schnell den Wunsch, ihre Literatur ins Norwegische zu übersetzen und über ihr Werk zu schreiben, um Jelinek fürs norwegische Publikum zugänglich zu machen. Ich bin seit Oktober 2004 als freie Schriftstellerin und Übersetzerin tätig, für Literaturzeitschriften, Zeitungen, Theater und Verlage. Weiterlesen

Lilian Friedberg: Übersetzungen von Elfriede Jelinek ins Amerikanische

Als amerikanische Übersetzerin von Elfriede Jelinek findet man sich nicht nur in einem ungünstigen Klima wieder, in dem alles, was nur halbwegs nach fremden Freiheiten klingt, gleich von vornherein als verdächtig geächtet wird – und das mit Auswirkung auf das Verlagswesen: Im Jahr 2004 erschienen aus insgesamt 185.000 Buchveröffentlichungen in den USA nur 874 Übersetzungen fremdsprachiger Publikationen. Dazu kommt, dass die Rezeption von Jelinek, besonders seit der Vergabe des Nobelpreises, bekanntlich alles anders als warm gewesen ist. Selbst in linken Kreisen ist sie, wenn man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt, als „anachronistisch“, „widerwärtig“ und „erschreckend“ verschrieen[1]. Weiterlesen