Björn Hayer: Das Verräumen der Sprache. Bericht zur internationalen Tagung „Jelineks Räume“ im Österreichischen Kulturforum Warschau

Tagungsbericht

Die Tagung Jelineks Räume, organisiert von Monika Szczepaniak (Universität Bydgoszcz), Agnieszka Jezierska (Universität Warschau), Pia Janke (Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien) fand vom 19.03.2015 bis 21.03.2015 am Österreichischen Kulturforum in Warschau statt und befasste sich mit den ästhetischen Entwürfen raumgestalterischer Dimensionen im Œuvre der Österreichischen Literaturnobelpreisträgerin.
Bereits mit ihrem Eröffnungsvortrag „Ihr Geld lebt auf einer schönen Insel.“ Topos und globale Welten in Elfriede Jelineks neueren Dramen stellte Dagmar von Hoff (Mainz) ein wesentliches Charakteristikum der postdramatischen Topografien Jelineks heraus: Sie kennzeichnete, ausgehend von Strahlende Verfolger und Die Kontrakte des Kaufmanns, die Verflüssigungstendenz als Signatur der jüngeren Bühnenstücke, woran insbesondere auch die Vorträge von Artur Pełka (Łódź) und Monika Szczepaniak (Bydgoszcz) zu Landschaftsentwürfen anknüpften. Wohingegen auf der einen Seite immaterielle Kapitalströme die Flüchtigkeit und Abstraktion einer globalisierten, spätmodernen Welt erkennen ließen, dienten der Autorin Wasser- und Schneelandschaften zu philosophischen Reflexionen über Gender, Spur und Gedächtnis. Um die Deixis der Theaterautorin in ihren Widersprüchen und Relativitäten zu erfassen, deutete Ulrike Haß (Bochum) deren Bühnenräume vor dem Hintergrund des aristotelischen Ortsverständnisses, ausgehend von der Stoffbeziehung zwischen Krug und Wein. Allen voran an der intertextuellen Verarbeitung der Aischylos-Tragödie in Die Schutzbefohlenen träten „Räume des Äußersten“ zutage, die stets aufs Neue fluide Grenzziehungen zu reflektieren scheinen.
Dass Jelineks Räume allen voran „postoptischer“ Natur seien, belegten anschaulich die Beiträge von Uta Degner (Salzburg) und Inge Arteel (Brüssel). Indem erstere die produktive Rezeption der Werke Valie Exports innerhalb der dramatischen Anlagen Jelineks nachvollzog, markierte sie deren ästhetische Formationen als polyvalente Diskursräume und verwies auf das breite Bezugsnetz in deren literarischem Kunstraum. Auch Arteel verfolgte in ihrem Beitrag Szenisches Schreiben. Theatralität und Räumlichkeit in Jelineks ‚Bühnenessay „Rein Gold“ einen ähnlichen Ansatz, indem sie Jelineks dramatische Settings als „Denkräume“ sowie als „mehrschichtige[r] intertextuelle[r] Echor[ä]um[e]“ zu veranschaulichen suchte.
Neben den Versuchen, adäquate Beschreibungsparadigmen zwischen Vertikaler und Horizontaler, Fläche und Dreidimensionalität zu finden, elaborierte die Diskussion somit zunehmend das Bewusstsein für ausstrahlende Diskurstopografien, welche ideologische Versatzstücke aus den Bereichen der Konsum- und Marktgesellschaft mit gleichsam neokolonialen und faschistischen Elementen amalgamieren.
Dass solcherlei Überlagerungen respektive Schichtungen zu charakteristischen Ausgrenzungsmechanismen beitragen, machten mehrere Referenten an Jelineks Die Schutzbefohlenen fest. So nutzte Silke Felber (Wien) in ihrem Vortrag „Die von des Bachs Ufern, des Meeres Küste, den Waldbüschen der Heimat Verscheuchten“. Ver-ortungen des Marginalisierten in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ Terminologien von Agamben, Foucault und der Geschichtswissenschaften, um das Bild des Anderen zwischen In- und Exklusion zu verhandeln und somit eine Lokalisierung von Randgruppen in den Werken Jelineks vorzunehmen.
Bezieht die Autorin Spezifika der Hate Speech in ihre Texte ein, demaskiere sie, gemäß Brigitte E. Jirkus (Valencia) Auffassung, Gewaltverhältnisse in der Sprache. Worin Macht und Ohnmacht des Sprechens liegen, ließe sich insbesondere am chorischen „Wir“ beobachten, dem die Referentin exemplarisch in Die Schutzbefohlenen nachging. So grenzte sie die erste Person Plural allen voran als „Wir“ der Empörten ein und negierte dessen allzu offensichtliche Zuschreibung als Repräsentationspronomen der Asylsuchenden.
Die Sprachräume zeugen von Herrschaftsstrukturen, schließen in unterschiedlichen Aggregatzuständen (Wasser, Schnee, Eis) Verdrängtes ein und verstehen sich, wie Verena Meis (Düsseldorf) darlegen konnte, als Deponien für „taubes Material“, das „abgeräumt, ‚verräumt‘, ausgelagert wurde und (noch) keine neue Bewandtnis erhielt.“
Während Jelineks literarische Ausarbeitungen demzufolge in analytischer Präzision Marginalisierungsprozesse und Abräume widerspiegelten, stellte sich in den Gesprächen zugleich die Frage heraus, inwiefern deren zugrunde liegenden sprachlichen Konstruktionen nicht auch Alternativräume zuließen. Entgegen der Annahme, Jelineks Sprachspiele demonstrierten einzig und allein entleerte Signifizierungen, argumentierte Joanna Drynda (Poznan) in ihrer Interpretation Gefühlsräume im Prosawerk Elfriede Jelineks am Beispiel des Romans „Gier“ für eine Untersuchung der emotionalen Tiefenstruktur jenseits der Zeichenoberfläche. Sie vertrat die These, die Werke der in Wien und München lebenden Literatin changierten permanent zwischen „Ausleben und Unterdrücken von Gefühlen“, die ihrerseits neue Gender-Kodifizierungsebenen zu erkennen gäben.
Die Vorträge von Alexandra Tacke (Bremen/ Bydgoszcz), Björn Hayer (Koblenz-Landau) und Agnieszka Jezierska (Warschau) erweiterten die Raumphänomenologie um materielle, immaterielle und rezeptionsspezifische Aspekte. Indem Erstere Jelineks Prinzessinnendrama Der Tod und das Mädchen V (Die Wand) im Zeichen einer kulturgeschichtlichen Anknüpfung an die Traditionslinie der Wandmetaphorik deutete, lotete sie die damit verbundenen Gender-Artikulationen aus. Dass die topografischen Anlagen immerzu in Zusammenhang mit Jelineks geschundenen „Kippfiguren“ (Annuß) stünden, war ebenso Gegenstand in Hayers Analyse des echoartigen Cyberspaces in Jelineks dramatischem Tableau. Diese seien vor allem als Zwischenreiche abgesonderter Geschichtsreste und vergangenheitsloser Untoter zu verstehen. Abgerundet wurden die wissenschaftlichen Werkexegesen durch Jezierskas reflexive Darlegung der polnischen und insbesondere refraktären Wahrnehmung bzw. Verarbeitung durch weibliche und männliche Gegenwartsschriftsteller. Welche Schwierigkeiten und Potenziale sich im Hinblick auf eine sowohl sprachliche als auch kulturelle Translationsfähigkeit ergeben, war auch Gegenstand der Podiumsdiskussion am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Hierin setzten Ulrike Haß, Rita Thiele (Chefdramaturgie am Schauspielhaus Hamburg), Karolina Bikont (Übersetzerin), Łukasz Chotkowski (Dramaturg, Regisseur) und Maja Kleczewska (Regisseurin) unter der Moderation von Pia Janke praktisch-inszenatorische mit wissenschaftlich-theoretischen Zugriffen auf Jelineks facettenreiche Bühnensettings in Beziehung.
In Summa ist zu konstatieren, dass sich diese grundsätzlich einer Repräsentionslogik entziehen. Vielmehr performieren sie mehrfachcodierte Diskursfolien, hinterfragen moralische und gesellschaftliche Grenzzonen und setzen Impulse für eine Dramatik der bedeutungskonstitutiven Raumästhetik. Die daraus resultierenden Möglichkeiten für das Theater könnten zukünftig noch Anlass für weitere Vertiefungen des Themas sein.

8.4.2015

Björn Hayer ist Akademischer Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Mainz. Seit 2012 Arbeit an der Promotion: „Wir sind das große Google“. Existenzielle Medien – Mediale Existenzen. Zur Rezeption der digitalen Medien in der Gegenwartsliteratur“.

Markus Bachmaier: Foucaults Diskurs bei Elfriede Jelinek. Eine Analyse von „Über Tiere“ anhand von Michel Foucaults Diskurstheorie

Diplomarbeit

Diese Arbeit geht der Frage nach, in welcher Form Michel Foucaults Theorie zum Diskurs in Jelineks Werk Anwendung findet. Dabei wird Über Tiere als Beispiel für Jelineks individuellen Stil herangezogen und analysiert. Waren ihre früheren Werke noch stark von klassischen formalen Aspekten geprägt, so sind vor allem ihre neueren Theatertexte reine Textflächen, die jegliche Angaben zu Ort, Person oder Zeit vermissen lassen. Dadurch und durch die starke Verwendung von Zitaten aus diversen Bereichen entstehen bei Jelinek Stücke, die einen Diskurs in seiner, von Foucault definierten, Weitläufigkeit und Verbindung wiedergeben. Foucault folgend sind Diskurse weite Netze, die sich in verschiedenster Weise gegenseitig berühren und beeinflussen und innerhalb derer jede Aussage seinen Platz findet und seine Position einnimmt. Es gilt zu analysieren, durch welche Mechanismen und Regulative, das Auftreten von Aussagen und die Position von sprechenden Individuen geregelt werden. Dadurch wird es möglich, einen von Regeln befreiten Diskurs zu erhalten, der Aufschluss darüber gibt, in welcher Art unser Wissen, aber auch unser Denken im Allgemeinen, strukturiert ist. Diese Arbeit zeigt nun, dass bei Jelinek genau jener freie Diskurs erreicht wird. Dies geschieht durch die ihr eigene Arbeitsweise, die nicht nur diverse Diskurse verbindet, sondern auch Sätze und Wörter zerleget, neu zusammensetzt und dadurch Verbindungen, in unserer Sprache wie unserem Denken, sichtbar macht.

13.3.2015

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Anne Schülke: Brocken und Schnipsel. Elfriede Jelineks Essay „Die endlose Unschuldigkeit“ (1970)

Jelinek realisiert und relativiert den essayistischen Erkenntnismodus des Experimentierens gleichermaßen. Sie montiert Auszüge aus verschiedenen Referenztexten, aber sie nutzt die Cut-up-Technik nicht, um eine verborgene Ordnung sichtbar zu machen oder innerhalb einer Rahmung verschiedene Stimmen und Textteile zu hierarchisieren. Der Essay führt vor, dass sowohl massenmediale als auch theoretische Schreibweisen die Tendenz zur mythischen Erstarrung haben. Sowohl in der Alltagssprache als auch in kritischen oder theoretischen Schreibweisen sammeln und vermehren sich vorbewusste Vorstellungen und Begehren. Jelinek verwendet die ästhetischen Strategien des Bruchs und der Unterbrechung, um verbindliche Wahrnehmungsmuster zu irritieren und die Leserin zu aktivieren.
Der Text ist außerdem im Frühjahr 2015 in der dem Essay gewidmeten 32. Ausgabe der polnischen Zeitschrift Studia Germanica Gedanensia erschienen.

11.2.2015

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Dóri Takács: Krieg und Gewalt im dramatischen Schaffen von Elfriede Jelinek

Aufsatz (Konzept)

In der äußerst reichen Jelinek-Forschung ist es unbestritten, dass der Nationalsozialismus und der Holocaust nicht nur mal stark akzentuierte, mal unterschwellig erscheinende Themen in den Werken der Autorin darstellen, sondern zugleich entweder Ausgangs- oder Schlusspunkte ihrer meisten Texte bilden. Überdies behandelt sie auch die Brutalität in den neueren Kriegen, wie im Krieg in Jugoslawien (Ein Sportstück) oder im Irak (Babel, Bambiland), bei welchem die körperliche Gewalt nicht nur mit Sexismus, sondern auch mit religiösem Fanatismus vermischt geschildert wird. Aber auch ihre anderen Theaterstücke, die auf den ersten Blick nicht den Krieg thematisieren, greifen die tägliche Gewaltanwendung gegen Menschen und Natur auf und üben Kritik an den eingespielten Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft. Bereits 1994 beschrieb Jelinek es als eine ihrer Aufgaben, für diejenigen zu sprechen, „die keine Stimme haben” 1), was sie seither auch konsequent durchführt, indem sie immer für die sozial Unterdrückten, Ausgelieferten und Ausgegrenzten Stellung bezieht und ihre antifaschistischen, pazifistischen, kirchenkritischen sowie emanzipatorischen Positonen dezidiert klar stellt. Der Beitrag versucht, den Spuren in ihren neuesten Dramen nachzugehen, in denen sich Jelinek für die Opfer und gegen jegliche Art der Gewalt einsetzt.

Fußnoten
1) Jelinek, Elfriede: Stellungnahme zur Asyl- und Aufenthaltsgesetzgebung in Österreich. In: Broschüre zum Trauermarsch zum Asyl- und Aufenthaltsgesetz, 1994.

20.1.2015

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Ann Schroeder: „Sie schaut auf den reinen Mangel.“ Erikas Suche nach dem weiblichen Phallus in Jelineks „Die Klavierspielerin“

Seminararbeit

Die Arbeit befasst sich mit Erika Kohuts Ergründung der (eigenen) Weiblichkeit, die explizit als Suche nach dem Phallus der Frau gedeutet wird. Dabei geht es primär um die Darstellung der Voyeurin Erika, die ihre voyeuristischen Neigungen als Methode zur Identifizierung des Weiblichen nutzt. Hierbei wird untersucht, welchen Blick Erika auf die Weiblichkeit richtet, zu welchen Erkenntnissen sie kommt und welche Konsequenzen dies für ihr Selbstbewusstsein als Frau hat.
Darüber hinaus werden Erikas „Abhängigkeitsbeziehungen“ zu ihrer Mutter und zu Walter Klemmer analysiert, welche sich als Konstrukt von Herr und Knecht, von Herrschen und Beherrscht-Werden beschreiben lassen. Für die Ergründung der Weiblichkeit wird herausgestellt, dass

  1. Erikas masochistische Handlung den Versuch der Entmystifizierung des eigenen Körpers versinnbildlicht, was schlussendlich jedoch nicht gelingt.
  2. Erikas Sadismus die Befriedigung ihres Voyeurismus erzielt.

Das “Rätsel der Frau“ bleibt für Erika Kohut ungelöst, sodass sie die Frau und damit auch sich selbst immer nur als defizitäres Wesen erkennen muss.

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16.1.2015

Natia Saginadze: Komik im österreichischen und georgischen Gegenwartsdrama

Dissertation

Abstract

Das Dissertationsprojekt unternimmt den Versuch, einen Lösungsansatz der Frage nach dem Wesen der Komik in den literaischen Texten zu entwickeln. Im Laufe dieser Arbeit werden die vorhandenen Komiktheorien (Inkongruenztheorie, Transgressionstheorie, Limitationstheorie, Überlegenheits- und Aggressionstheorie des Komischen) näher betrachtet und diese zu einem Kategoriensystem erweitert, was die Wahrnehmung der Komik in den literarischen Texten ermöglicht. Am Beispiel der ausgewählten georgischen und österreichischen dramatischen Texten von Elfriede Jelinek (Burgtheater 1982, Raststätte 1994), Thomas Bernhard (Heldenplatz 1988, Vor dem Ruhestand 1979), Lascha Bugadze (Pantheon 2012, 25 kleine Theaterstücke 1999) und Davit Gabunia (Seifenopus 2010, Lavinias Ohren 2014) wird versucht, die spezifischen Komikelemente zu identifizieren und die Funktion und Rolle der Komik im gegenwärtigen österreichischen und georgischen dramatischen Werk zu erfassen.
Einer der Schwerpunkte dieses Dissertationsprojektes ist, in der georgischen Literaturwissenschaft die Komiktheorien zu untersuchen. Es sei darauf hingewiesen, dass die Rolle der Komik in der georgischen Gegenwartsliteratur zum ersten Mal untersucht werden soll. Die vergleichende Studie der am Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts publizierten georgischen und deutschsprachigen dramatischen Texte ermöglicht es herauszufinden, welche kulturellen Unterschiede bei der Rezeption der Komik ans Licht kommen. Die aufgefundenen kulturbezogenen Unterschiede können den georgieschen Rezipienten als Voraussetzung dienen, die westliche Literatur als kulturelles Artefakt zu erfassen und zu interpretieren.

11.12.2014

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Anja Thiele: Un/Sichtbare Weiblichkeit. Blickregime und die Konstitution von Geschlecht im Theater Elfriede Jelineks

Masterarbeit

Die vorliegende Masterarbeit versucht, Ansätze aus der feministischen Kunstwissenschaft für das Theater Elfriede Jelineks am Beispiel des 2012 uraufgeführten Stück Schatten (Eurydike sagt) fruchtbar zu machen.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Tatsache, dass Jelineks (Theater-)Texte immer wieder von der Problematik der ‚Sichtbarkeit‘ weiblich sozialisierter Personen handeln – von dem Problem der ‚Frau‘, in einer von patriarchalischen Weiblichkeitsbildern geprägten Gesellschaft eine eigene Subjektivität zu konstituieren. Dies ist insbesondere im Stück Schatten (Eurydike sagt) der Fall.
Die feministische Kunstwissenschaft, insbesondere die Filmtheorie und die sog. visual culture studies, haben sich seit den 70er Jahren mit dem Zusammenhang von Blick, Wahrnehmung und Geschlechtskonstitution auseinandergesetzt. Ein besonders produktives Konzept ist das des ‚Blickregimes‘, denn es beschreibt, wie hegemoniale Visualisierungs- und Wahrnehmungskonventionen dazu beitragen, bestimmte gesellschaftliche Dominanzverhältnisse zu stabilisieren. Wie die Filmtheoretikerin Kaja Silverman argumentiert, haben jene Blickregime aber auch Rückwirkungen auf die Konstitution von Subjekt – und damit auch von Geschlecht.
Die vorliegende Arbeit versucht, den Begriff des Blickregimes zu einem literatur- und theaterwissenschaftlichen Analyseinstrument umzufunktionieren. Dabei werden zunächst die im Theatertext manifesten hegemonialen visuellen Ordnungen auf einer inhaltlichen Ebene analysiert. Dass Jelinek die Stabilisierung von geschlechtlichen Machtverhältnissen qua Visualisierungskonventionen problematisiert, kann jedoch auch an der auf Antiillusionismus zielenden Darstellungsebene bzw. der Theaterästhetik aufgezeigt werden. Wie sich zeigt, zielt Jelineks Theater sowohl auf Ebene des Inhalts, als auch auf Ebene der Theaterästhetik darauf ab, das dualistische Repräsentationsmodell, das dem herrschenden Blickregime zugrunde liegt, in seinen Konstruktionsmechanismen bloßzulegen und damit aufzuzeigen, wie es Geschlechterdifferenz herstellt und zementiert. Gleichzeitig wird dieses Repräsentationsmodell zum Schwanken gebracht, indem die semantische Referenzlosigkeit des Zeichens, die eine geschlechtliche Zuordnung nicht mehr zulässt – auf Textebene versinnbildlicht am Motiv des Schattens, auf der Bühne im von der szenischen Figur losgelösten Schauspielerinnenkörper – ins Feld geführt wird.

9.10.2014

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Brigitte Stocker: Das satirische Zitat

Habilitation (Konzept)

Zwischen Karl Kraus und Elfriede Jelinek verläuft eine Traditionslinie kritischen Denkens, die ich in meinem Habilitationsvorhaben untersuchen will. In diese Tradition stellt sich Jelinek auch bewusst, indem sie in ihren Texten auf Kraus’ satirische Zeitschrift „Die Fackel“ verweist. Dieses Verweisen auf andere AutorInnen und die Montage fremder Textsegmente spielen im Werk beider AutorInnen eine große Rolle. Das Phänomen der Intertextualität ist für die Satire gattungskonstituierend (Jelinek wird zwar nicht als Satirikerin deklariert, doch sind die satirischen Elemente in ihren Texten unübersehbar).

Es stellt sich die Frage nach einer Typisierung der in den Texten verwendeten Zitate. Dabei ist es notwendig, Zitate gegenüber Formen wie Parodie, Persiflage, Motto, Travestie etc, abzugrenzen.
Die montierten fremden Textsegmente ließen sich im Falle beider AutorInnen auch nach ihrer Wirkabsicht kategorisieren: in affirmativ Zitiertes (klassische Literatur wie Shakespeare oder Goethe, die gegen das Zeitgeschehen mobilisiert wird) und pejorativ Zitiertes (Zeitungsartikel, Postings oder Fotografien, die im satirischen Text der Beweisführung dienen). Durch den satirischen Kommentar werden die dokumentarischen Materialien dekonstruiert. Auch Fotografien wie das in der ‚Fackel’ abgedruckte berühmte Foto des Herausgebers der ‚Neuen Freien Presse’ Moriz Benedikt vor dem Parlament oder das Bild von Krone-Herausgeber Hans Dichand (in Jelineks „Dem Faß die Krone aufsetzen“) spielen eine wichtige Rolle. Mitunter erfolgt auch ein Medientransfer, d.h. Bilder werden literarisiert. Die Wechselwirkung der montierten Textsegmente miteinander und mit dem Kommentar des Textsubjekts steht im Fokus der Betrachtung. Beide AutorInnen greifen Redensarten auf, die im fortlaufenden Text verändert, vom Textsubjekt kommentiert und mit neuer Bedeutung gefüllt werden. Es kommt zu einer Transformation und Dekonstruktion der in den Medien gedankenlos verwendeten Redensarten; eine Verfahrensweise, die eine Basis für die Medienkritik bei beiden AutorInnen bildet.
Diese Technik ist typisch für satirische Texte und erfüllt eine argumentative Funktion, d.h. sie dient dem Ziel der Persuasion.
Die Analyse will sich von der Rhetorik leiten lassen. Die fremden Text- und Bildsegmente werden nach Heinrich Plett als rhetorische Figuren der Intertextualität wahrgenommen, die – wie alle Stilmittel – die Funktion haben, die Argumentation zu stützen. Der spezifische Einsatz zitathafter Rede ist für satirische Texte von großer Bedeutung. Zitate dienen in satirischen Schriften als Evidentia, sie sind Beweise für die Konstatierung einer ‚verkehrten Welt’ (Schwind, ‚Satire in funktionalen Kontexten’). Kraus und Jelinek machen beide in ihren Texten einen exorbitanten Gebrauch dieser Evidenzmittel in Form von intertextuellen Figuren.
Dieser spezifische Zeitbezug erschwert die Rezeption der Texte zunehmend. Das in der Satire verarbeitete zeitgenössische Material und die verschlüsselten Allusionen zitathafter Rede sind der Grund dafür, warum das Verständnis so gestalteter Texte für eine spätere Rezeption immer schwieriger wird.

Zitation ist immer auch ein Spiel mit Wiederholung und Abweichung. So geartete referenzielle Verfahren wie Zitieren oder Sampeln geraten in der Analyse von performativer Kunst zunehmend in den Fokus der Betrachtung; sie sind also keinesfalls auf die verbale Ebene beschränkt, sondern wären gerade für die Interpretation von Jelineks theatralem Werk von großer Bedeutung.

12.8.2014

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Manfred Wadsack: Musik als Instrument. Zur Funktionalisierung ‚autonomer Musik‘ in Elfriede Jelineks „Clara S.“ und „Die Klavierspielerin“

Bachelorarbeit

Der musikalisch-schöpferische Akt ebenso wie die performative musikalische Darbietung wird gemeinhin mit Individualität, Expressivität und Kreativität assoziiert. Das romantisierte bürgerliche Ideal einer autonomen, gesellschaftlich entkoppelten Kunst ist aber nur oberflächlich haltbar. Nach Theodor W. Adorno ist Musik sprachähnlich, ein organisiertes, über die lautliche Ebene hinausweisendes System, das zwar auf eine genuin intentionslose Sprache und damit eine tendenziell unverzweckte Ausdrucksform abziele, jedoch im gesellschaftlichen Kontext massiv funktionalisiert und ideologisiert werde. Musik ist nicht nur das Ergebnis des Gebrauchs von Instrumenten, sondern kann auch selbst als Instrument gebraucht werden.
In Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin wird klassischer Musik eine mythisierte Rolle zugeschrieben, die vordergründig eine idealtypische künstlerische Selbstverwirklichung und ehrerbietige Reverenz an eine als qualitativ hochwertig erachtete Kunstform zur Schau stellt, tatsächlich jedoch im Dienst schichtenspezifischer Distinktion des Bürgertums steht. Zudem beschränkt sich die Auseinandersetzung auf eine rein interpretative, niemals selbstschöpferische Ebene. Diese Einengung des Spektrums musikalischen Schaffens begründet sich in der scheinbar untrennbaren Verknüpfung des Mythos Musik mit dem Mythos des männlichen Genies. Die originale Tat werde durch den Mann repräsentiert, die Frau hingegen durch originalgetreue Reproduktion männlicher Werke am Klavier diszipliniert. Hiermit eröffnet sich eine insbesondere im Stück Clara S. musikalische Tragödie zentrale genderspezifische Perspektive auf Musikausübung.
Im permanenten Diskurs über eine vorgeblich autonome Musik als reinem ästhetischen Selbstzweck werden in Clara S. und Die Klavierspielerin ausgesprochen nüchterne Intentionen bemäntelt, die somit in diametralem Gegensatz zur äußeren Präsentation stehen. Dieses inkonsistente Auseinanderdriften von Sein und Schein konstituiert den bürgerlichen Mythos von Musik, welcher in der folgenden Untersuchung offengelegt werden soll. Die theoretischen Ausgangspunkte dafür bilden die kulturkritische Perspektive Theodor W. Adornos und der semiologisch begründete Mythos-Begriff von Roland Barthes. Barthes geht davon aus, dass der Mythos seinem Objekt die Geschichte entzieht und damit gewisse gesellschaftliche Diskurse und Zustände als naturgegeben präsentiert – eine mythisierende Operation, auf die hin auch Adornos Thesen zu untersuchen sind. Durch diese theoretische Fundierung und eine sozialgeschichtliche Kontextualisierung wird die Basis gelegt, um den bürgerlichen Mythos von Musik, wie er von Jelinek ausgestellt wird, in eine Reihe von Teilmythen zu zerlegen und anhand der Primärtexte zu analysieren, welche Funktionen die Mythen in den jeweiligen interpersonellen und gesamtgesellschaftlichen Konstellationen innehaben und wie Jelinek diese in der ihr eigenen, literarisch-aufklärerischen Intuition destruiert.

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31.7.2014

 

Nina Peter: Euripides und Geschäftsbericht. Intertextuelle Referenzen in Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Wie die meisten ihrer Texte ist auch Jelineks „Wirtschaftskomödie“ Die Kontrakte des Kaufmanns reich an intertextuellen An- und Einspielungen. Neben dem antiken Drama Herakles von Euripides und dem Geschäftsbericht der Meinl-Bank sind es unter anderem Texte der politischen Ökonomie von Marx bis Schumpeter, der christlichen Religion sowie die eigene poetologische Schrift Ich schlage sozusagen mit der Axt drein, die in dem Text über die zeitgenössische Finanzwirtschaft aufgerufen, paraphrasiert und variiert werden.
Der geplante Beitrag rekonstruiert ausgewählte intertextuelle Elemente, die sich den mit den oben genannten Beispielen aufgerufenen fünf Bereichen – Literatur, wirtschaftliche Praxis, Theorie der Ökonomie, Religion, Poetologie – zuordnen lassen und stellt die Frage nach ihrem semantischen ‚Mehrwert‘. Denn anders als im Zitat des Veranstaltungstitels formuliert, ist es nach dem „Sprechen“ nicht „aus“. Die Bezugnahmen auf die heterogenen Texte treten vielmehr durch das literarische Arrangement in einen Kommentarzusammenhang, der die im Stück zum Ausdruck kommende Kritik an den Praktiken der zeitgenössischen Finanzwissenschaft inhaltlich konturiert. Um welche inhaltlichen Aspekte und Überlegungen die intertextuellen Referenzen Jelineks Ökonomiekritik bereichern und wie sie zu einer ‚Poetik der Ökonomie‘ beitragen ist das Hauptinteresse des Beitrags. Er entsteht im Kontext meiner Dissertationsschrift über die Darstellung der Finanzwirtschaft in der zeitgenössischen Literatur, die ein Kapitel zu Jelineks Ökonomie-Texten enthalten wird.

4.7.2014

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