Anja Thiele: Un/Sichtbare Weiblichkeit. Blickregime und die Konstitution von Geschlecht im Theater Elfriede Jelineks

Masterarbeit

Die vorliegende Masterarbeit versucht, Ansätze aus der feministischen Kunstwissenschaft für das Theater Elfriede Jelineks am Beispiel des 2012 uraufgeführten Stück Schatten (Eurydike sagt) fruchtbar zu machen.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Tatsache, dass Jelineks (Theater-)Texte immer wieder von der Problematik der ‚Sichtbarkeit‘ weiblich sozialisierter Personen handeln – von dem Problem der ‚Frau‘, in einer von patriarchalischen Weiblichkeitsbildern geprägten Gesellschaft eine eigene Subjektivität zu konstituieren. Dies ist insbesondere im Stück Schatten (Eurydike sagt) der Fall.
Die feministische Kunstwissenschaft, insbesondere die Filmtheorie und die sog. visual culture studies, haben sich seit den 70er Jahren mit dem Zusammenhang von Blick, Wahrnehmung und Geschlechtskonstitution auseinandergesetzt. Ein besonders produktives Konzept ist das des ‚Blickregimes‘, denn es beschreibt, wie hegemoniale Visualisierungs- und Wahrnehmungskonventionen dazu beitragen, bestimmte gesellschaftliche Dominanzverhältnisse zu stabilisieren. Wie die Filmtheoretikerin Kaja Silverman argumentiert, haben jene Blickregime aber auch Rückwirkungen auf die Konstitution von Subjekt – und damit auch von Geschlecht.
Die vorliegende Arbeit versucht, den Begriff des Blickregimes zu einem literatur- und theaterwissenschaftlichen Analyseinstrument umzufunktionieren. Dabei werden zunächst die im Theatertext manifesten hegemonialen visuellen Ordnungen auf einer inhaltlichen Ebene analysiert. Dass Jelinek die Stabilisierung von geschlechtlichen Machtverhältnissen qua Visualisierungskonventionen problematisiert, kann jedoch auch an der auf Antiillusionismus zielenden Darstellungsebene bzw. der Theaterästhetik aufgezeigt werden. Wie sich zeigt, zielt Jelineks Theater sowohl auf Ebene des Inhalts, als auch auf Ebene der Theaterästhetik darauf ab, das dualistische Repräsentationsmodell, das dem herrschenden Blickregime zugrunde liegt, in seinen Konstruktionsmechanismen bloßzulegen und damit aufzuzeigen, wie es Geschlechterdifferenz herstellt und zementiert. Gleichzeitig wird dieses Repräsentationsmodell zum Schwanken gebracht, indem die semantische Referenzlosigkeit des Zeichens, die eine geschlechtliche Zuordnung nicht mehr zulässt – auf Textebene versinnbildlicht am Motiv des Schattens, auf der Bühne im von der szenischen Figur losgelösten Schauspielerinnenkörper – ins Feld geführt wird.

9.10.2014

PDF-Download der Arbeit

Informationen zu Anja Thiele

Brigitte Stocker: Das satirische Zitat

Habilitation (Konzept)

Zwischen Karl Kraus und Elfriede Jelinek verläuft eine Traditionslinie kritischen Denkens, die ich in meinem Habilitationsvorhaben untersuchen will. In diese Tradition stellt sich Jelinek auch bewusst, indem sie in ihren Texten auf Kraus’ satirische Zeitschrift „Die Fackel“ verweist. Dieses Verweisen auf andere AutorInnen und die Montage fremder Textsegmente spielen im Werk beider AutorInnen eine große Rolle. Das Phänomen der Intertextualität ist für die Satire gattungskonstituierend (Jelinek wird zwar nicht als Satirikerin deklariert, doch sind die satirischen Elemente in ihren Texten unübersehbar).

Es stellt sich die Frage nach einer Typisierung der in den Texten verwendeten Zitate. Dabei ist es notwendig, Zitate gegenüber Formen wie Parodie, Persiflage, Motto, Travestie etc, abzugrenzen.
Die montierten fremden Textsegmente ließen sich im Falle beider AutorInnen auch nach ihrer Wirkabsicht kategorisieren: in affirmativ Zitiertes (klassische Literatur wie Shakespeare oder Goethe, die gegen das Zeitgeschehen mobilisiert wird) und pejorativ Zitiertes (Zeitungsartikel, Postings oder Fotografien, die im satirischen Text der Beweisführung dienen). Durch den satirischen Kommentar werden die dokumentarischen Materialien dekonstruiert. Auch Fotografien wie das in der ‚Fackel’ abgedruckte berühmte Foto des Herausgebers der ‚Neuen Freien Presse’ Moriz Benedikt vor dem Parlament oder das Bild von Krone-Herausgeber Hans Dichand (in Jelineks „Dem Faß die Krone aufsetzen“) spielen eine wichtige Rolle. Mitunter erfolgt auch ein Medientransfer, d.h. Bilder werden literarisiert. Die Wechselwirkung der montierten Textsegmente miteinander und mit dem Kommentar des Textsubjekts steht im Fokus der Betrachtung. Beide AutorInnen greifen Redensarten auf, die im fortlaufenden Text verändert, vom Textsubjekt kommentiert und mit neuer Bedeutung gefüllt werden. Es kommt zu einer Transformation und Dekonstruktion der in den Medien gedankenlos verwendeten Redensarten; eine Verfahrensweise, die eine Basis für die Medienkritik bei beiden AutorInnen bildet.
Diese Technik ist typisch für satirische Texte und erfüllt eine argumentative Funktion, d.h. sie dient dem Ziel der Persuasion.
Die Analyse will sich von der Rhetorik leiten lassen. Die fremden Text- und Bildsegmente werden nach Heinrich Plett als rhetorische Figuren der Intertextualität wahrgenommen, die – wie alle Stilmittel – die Funktion haben, die Argumentation zu stützen. Der spezifische Einsatz zitathafter Rede ist für satirische Texte von großer Bedeutung. Zitate dienen in satirischen Schriften als Evidentia, sie sind Beweise für die Konstatierung einer ‚verkehrten Welt’ (Schwind, ‚Satire in funktionalen Kontexten’). Kraus und Jelinek machen beide in ihren Texten einen exorbitanten Gebrauch dieser Evidenzmittel in Form von intertextuellen Figuren.
Dieser spezifische Zeitbezug erschwert die Rezeption der Texte zunehmend. Das in der Satire verarbeitete zeitgenössische Material und die verschlüsselten Allusionen zitathafter Rede sind der Grund dafür, warum das Verständnis so gestalteter Texte für eine spätere Rezeption immer schwieriger wird.

Zitation ist immer auch ein Spiel mit Wiederholung und Abweichung. So geartete referenzielle Verfahren wie Zitieren oder Sampeln geraten in der Analyse von performativer Kunst zunehmend in den Fokus der Betrachtung; sie sind also keinesfalls auf die verbale Ebene beschränkt, sondern wären gerade für die Interpretation von Jelineks theatralem Werk von großer Bedeutung.

12.8.2014

Informationen zu Brigitte Stocker

Manfred Wadsack: Musik als Instrument. Zur Funktionalisierung ‚autonomer Musik‘ in Elfriede Jelineks „Clara S.“ und „Die Klavierspielerin“

Bachelorarbeit

Der musikalisch-schöpferische Akt ebenso wie die performative musikalische Darbietung wird gemeinhin mit Individualität, Expressivität und Kreativität assoziiert. Das romantisierte bürgerliche Ideal einer autonomen, gesellschaftlich entkoppelten Kunst ist aber nur oberflächlich haltbar. Nach Theodor W. Adorno ist Musik sprachähnlich, ein organisiertes, über die lautliche Ebene hinausweisendes System, das zwar auf eine genuin intentionslose Sprache und damit eine tendenziell unverzweckte Ausdrucksform abziele, jedoch im gesellschaftlichen Kontext massiv funktionalisiert und ideologisiert werde. Musik ist nicht nur das Ergebnis des Gebrauchs von Instrumenten, sondern kann auch selbst als Instrument gebraucht werden.
In Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin wird klassischer Musik eine mythisierte Rolle zugeschrieben, die vordergründig eine idealtypische künstlerische Selbstverwirklichung und ehrerbietige Reverenz an eine als qualitativ hochwertig erachtete Kunstform zur Schau stellt, tatsächlich jedoch im Dienst schichtenspezifischer Distinktion des Bürgertums steht. Zudem beschränkt sich die Auseinandersetzung auf eine rein interpretative, niemals selbstschöpferische Ebene. Diese Einengung des Spektrums musikalischen Schaffens begründet sich in der scheinbar untrennbaren Verknüpfung des Mythos Musik mit dem Mythos des männlichen Genies. Die originale Tat werde durch den Mann repräsentiert, die Frau hingegen durch originalgetreue Reproduktion männlicher Werke am Klavier diszipliniert. Hiermit eröffnet sich eine insbesondere im Stück Clara S. musikalische Tragödie zentrale genderspezifische Perspektive auf Musikausübung.
Im permanenten Diskurs über eine vorgeblich autonome Musik als reinem ästhetischen Selbstzweck werden in Clara S. und Die Klavierspielerin ausgesprochen nüchterne Intentionen bemäntelt, die somit in diametralem Gegensatz zur äußeren Präsentation stehen. Dieses inkonsistente Auseinanderdriften von Sein und Schein konstituiert den bürgerlichen Mythos von Musik, welcher in der folgenden Untersuchung offengelegt werden soll. Die theoretischen Ausgangspunkte dafür bilden die kulturkritische Perspektive Theodor W. Adornos und der semiologisch begründete Mythos-Begriff von Roland Barthes. Barthes geht davon aus, dass der Mythos seinem Objekt die Geschichte entzieht und damit gewisse gesellschaftliche Diskurse und Zustände als naturgegeben präsentiert – eine mythisierende Operation, auf die hin auch Adornos Thesen zu untersuchen sind. Durch diese theoretische Fundierung und eine sozialgeschichtliche Kontextualisierung wird die Basis gelegt, um den bürgerlichen Mythos von Musik, wie er von Jelinek ausgestellt wird, in eine Reihe von Teilmythen zu zerlegen und anhand der Primärtexte zu analysieren, welche Funktionen die Mythen in den jeweiligen interpersonellen und gesamtgesellschaftlichen Konstellationen innehaben und wie Jelinek diese in der ihr eigenen, literarisch-aufklärerischen Intuition destruiert.

PDF-Download der Arbeit

31.7.2014

 

Nina Peter: Euripides und Geschäftsbericht. Intertextuelle Referenzen in Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Wie die meisten ihrer Texte ist auch Jelineks „Wirtschaftskomödie“ Die Kontrakte des Kaufmanns reich an intertextuellen An- und Einspielungen. Neben dem antiken Drama Herakles von Euripides und dem Geschäftsbericht der Meinl-Bank sind es unter anderem Texte der politischen Ökonomie von Marx bis Schumpeter, der christlichen Religion sowie die eigene poetologische Schrift Ich schlage sozusagen mit der Axt drein, die in dem Text über die zeitgenössische Finanzwirtschaft aufgerufen, paraphrasiert und variiert werden.
Der geplante Beitrag rekonstruiert ausgewählte intertextuelle Elemente, die sich den mit den oben genannten Beispielen aufgerufenen fünf Bereichen – Literatur, wirtschaftliche Praxis, Theorie der Ökonomie, Religion, Poetologie – zuordnen lassen und stellt die Frage nach ihrem semantischen ‚Mehrwert‘. Denn anders als im Zitat des Veranstaltungstitels formuliert, ist es nach dem „Sprechen“ nicht „aus“. Die Bezugnahmen auf die heterogenen Texte treten vielmehr durch das literarische Arrangement in einen Kommentarzusammenhang, der die im Stück zum Ausdruck kommende Kritik an den Praktiken der zeitgenössischen Finanzwissenschaft inhaltlich konturiert. Um welche inhaltlichen Aspekte und Überlegungen die intertextuellen Referenzen Jelineks Ökonomiekritik bereichern und wie sie zu einer ‚Poetik der Ökonomie‘ beitragen ist das Hauptinteresse des Beitrags. Er entsteht im Kontext meiner Dissertationsschrift über die Darstellung der Finanzwirtschaft in der zeitgenössischen Literatur, die ein Kapitel zu Jelineks Ökonomie-Texten enthalten wird.

4.7.2014

Informationen zu Nina Peter

Nina Peter: Poetiken der Ökonomie. Ökonomische Spekulationsstrategien und Finanzkrisen in der Gegenwartsliteratur

Dissertation

Abstract

Das Dissertationsprojekt fragt nach den Darstellungsweisen von Finanzkrisen und zeitgenössischen ökonomischen Spekulationspraktiken in der Gegenwartsliteratur. Entgegen der inzwischen zum Topos gewordenen ‚Literaturunfähigkeit‘ der zeitgenössischen Finanzwirtschaft liegt der Arbeit die These zugrunde, dass gerade die spezifischen Charakteristika der Thematik der Spekulation und Finanzkrisen eine besondere Affinität zu Darstellungsweisen der postmodernen und postdramatischen Literatur aufweisen, die sich in den unterschiedlichen Bearbeitungen dieser Thematik in literarischen Gegenwartstexten widerspiegelt. Die Arbeit geht der Frage nach, wie die literarischen Texte den ‚Darstellungshürden‘, die mit der Finanzwirtschaft einhergehen (Komplexität der Ereignisse und Kausalzusammenhänge, Vorherrschen eines schwer verständlichen mathematisierten Spezialdiskurses, Abstraktion und Immaterialität der Krisenereignisse, unklare Referenzverhältnisse der ‚Marktzeichen‘, Stattfinden der Marktereignisse ‚im Medium‘), begegnen und welche Deutungen der finanzwirtschaftlichen Ereignisse des 21. Jahrhunderts in den literarischen Texten zu finden sind. Die Arbeit nimmt detaillierte Analysen der drei Texte Cosmopolis von Don DeLillo, Die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek und The Power of Yes von David Hare vor und ergänzt diese um vergleichende Ausblicke auf einen umfangreichen Korpus literarischer Texte über die Finanzwirtschaft. Ergänzt werden die Analysen jeweils um Untersuchungen der Darstellung von Finanzkrisen und Spekulationspraktiken in anderen Medien (bildende Kunst, journalistische Berichterstattung, populärwissenschaftliche Sachbücher), die als Kontrastfolien dazu dienen sollen, die Spezifika der literarischen Darstellung den Poetiken der Darstellungen in anderen Medien gegenüberzustellen.

4.7.2014

Informationen zu Nina Peter

Kyriaki Demiri: Elfriede Jelinek: Politics and Feminism. A kaleidoscope of modern Austria

Dissertation 

Abstract

This Ph.D dissertation focuses on the study of the political theatre of the Austrian playwright Elfriede Jelinek (born 1946), while it uses as the main methodological tool the feminist and postfeminist theory. For that, we chose the following five plays of the nobel prize winner: Das Lebewohl (2000), Ein Sportstück (1988), Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte; oder Stützen der Gesellschaften (1984), Krankheit oder Moderne Frauen (1984), and Burgtheater (1985).
The dissertation is divided in three parts: in the first part, we examine the historic context, the Austian cultural framework and the broader framework that shapes the jelinekian dramaturgy. In the second part, we present our theoretical tool. The third part, which is the main part of the dissertation, focuses on the plays. Initially, we examine Das Lebewohl and more precisely the ways in which the fascist rhetoric is connected to the construction of gender. In Ein Sportstück, we shed a light on the notion of “body”, on its approach by the sports world and the distinction between male and female bodies. This chapter examines the physical as well as the artistic body of the playwright herself. In the next chapter, we examine Nora and the relationship of feminism to capitalism. Then, by studying Krankheit we present the main pattern of vampirism and the way it brings out women’s responsibility in the so-called “feminist issue”. A parallel examination of the two plays leads to conclusions concerning the playwright’s aesthetic strategy. In the final chapter, in Burgtheater, we point out how Jelinek clearly articulates her concerns and aesthetic positions. The dissertation finishes with conclusions.

28.1.2019

Informationen zu Kyriaki Demiri

Roberto Nicoli: Stilentwicklung im Theater Elfriede Jelineks

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

„Ich will kein Theater, ich will ein anderes Theater, ich mache es sehr sprachzentriert“: Elfriede Jelinek bekennt sich zu einem Theater, in der die Sprache immer eine sehr wichtige Stellung – und oft sogar die Protagonistenrolle – einnimmt. Dies gilt sowohl für den schriftlichen Text als auch für dessen Bühneninszenierung. Dementsprechend sollen die Schauspieler zum Beispiel keine individuellen Charakterzüge imitieren, sondern die Sprache selbst verkörpern, mit der die Autorin ihre eigenen Gedanken zum Ausdruck bringt. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Autorin die Theatertexte so gestaltet, dass die Figuren aus der Szene fast verschwinden und ins Abseits gedrängt werden, um der Sprache Freiraum zu lassen. In dieser Hinsicht bilden Jelineks Werke einen regelrechten Widerstandsakt gegen das konventionelle Theater.
Die Schriftstellerin plädiert für ein „Sprachtheater“, ein „Texttheater“, bei dem eine Viehzahl von instinktiven und magmatischen Stimmen aus der Sprache selbst entstehen und interagieren. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Evolution des Stils in ihren Dramen zu beschreiben. Hierzu wird Stil also nicht als normativ wertenden Stilbegriff, der Stil mit gutem Stil gleichsetzt, verstanden, sondern unter einem deskriptiven Gesichtspunkt als Auswahl aus mehreren Ausdrucksmöglichkeiten bzw. als Abwägen zwischen dem Einhalten von Konventionen und ihrer Durchbrechung. Zu diesem Zweck werden beispielhafte Werke in Betracht gezogen, die in verschiedenen Phasen der Jelinekeschen Produktion veröffentlicht wurden: Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften (1979), Totenauberg (1991) und Bambiland (2004).
Die Analyse stützt auf die von Sowinski und Eroms erarbeiteten Stilkategorien. Erstens werden makrostilistische Merkmale (mündliche und schriftliche Kommunikation, Interpunktion, Graphostilistik, Stilprinzipien, Stilfärbung, Gattungsstil, Authentizitätsgrad, Erzählhaltung) berücksichtigt, zweitens werden mikrostilistische Eigenschaften (Satzlänge, Perioden, Wortstellung, Satzarten, Wortschatz, rhetorische Figuren usw.) untersucht. Aufgrund der festgelegten Kriterien und der ermittelten Analyseergebnisse werden schließlich einige Entwicklungen und Tendenzen identifiziert, die die stilistische Evolution des Jelinekschen Theaters kennzeichnen.

27.6.2014

PDF-Download des Beitrags

Informationen zu Roberto Nicoli

Brigitte Stocker: Das satirische Zitat bei Karl Kraus und Elfriede Jelinek

Teilaspekt der Habilitation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

In Elfriede Jelineks Text Die brennende Hosenhaut, der die Berichterstattung und die darauffolgenden Postings über den Fall eines Asylbewerbers, der sich selbst anzündete, analysiert, bezieht sich die Autorin auf einen Text von Karl Kraus in der Fackel.
Der Satiriker veröffentlichte dort einen Briefwechsel von Rosa Luxemburg, die in ihrem Breslauer Gefängnis Mitleid mit den im Hof gequälten Büffeln zeigte. Die Rezipienten journalistischer Gebrauchstexte, das zeigt Kraus am Beispiel des zynischen Kommentars in einer Zusendung einer Innsbrucker Leserbriefschreiberin, sind zu dieser Empathie nicht mehr fähig und kommentieren das Leid anderer mit ausgesprochener Gehässigkeit. Den polemischen Ausbruch gegen das Phänomen ‚Posting‘ und die darin zum Ausdruck kommende bestialische Gesinnung bezeichnet Jelinek in ihrem Essay als die „stärkste bürgerliche Prosa der Nachkriegszeit“ und nennt Kraus den „Gutmenschen einer vergangenen Zeit“.
Das geplante Projekt will den intertextuellen Schreibverfahren der beiden AutorInnen nachgehen. Es sollen ausgewählte essayistische Texte von Karl Kraus und Elfriede Jelinek auf die Zitattechnik hin untersucht werden, denn die Parallelen zwischen dem Traditionsbegründer der österreichischen Nestbeschmutzung und der bedeutendsten österreichischen „Nestbeschmutzerin“ der Gegenwart in deren Reaktion auf das jeweilige Zeitgeschehen und dessen polemische Verarbeitung sind äußerst bemerkenswert. In Jelineks und Kraus‘ Texten werden in Massenmedien gedankenlos verwendete Redensarten aufgegriffen, die vom Textsubjekt (Persona) kommentiert, transformiert und dekonstruiert werden. Beiden dienen Zitate im rhetorischen Sinne als Evidentia, sie sind Beweise für die Konstatierung einer „verkehrten Welt“ (Schwind, Satire in funktionalen Kontexten). Beide AutorInnen, die erstaunlich schnell auf das Zeitgeschehen satirisch reagieren, machen in ihren Texten einen exorbitanten Gebrauch dieser Evidenzmittel in Form von intertextuellen Figuren, die sich nach ihrer Wirkabsicht einteilen lassen. Es findet sich eine Fülle von Bezügen auf einerseits „klassische“ Literatur wie Shakespeare, Goethe, Jean Paul etc. (affirmativ zitierte, fremde Textsegmente) und Zeitungsmaterial (pejorativ verwendete Text- und Bildsegmente). Es soll untersucht werden, wie sich durch die Montage dieser Materialien neue Kontexte ergeben und wie die verschiedenen Textsegmente in einen Dialog miteinander treten, den das Textsubjekt dirigiert.

26.6.2014

PDF-Download des Beitrags

Informationen zu Brigitte Stocker

Judith Strobich: „bukolit.hörroman“ – Antiform oder Formalismus? Die Beziehung zwischen Ästhetik, Parodie und deren „Nutzen“

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Elfriede Jelineks erstes Prosawerk bukolit (verfasst 1968, herausgegeben 1979) wird, um dieses Werk überhaupt klassifizieren zu können, gerne in Beziehung zur Wiener Gruppe gesetzt und dabei auf deren Herangehensweise an Sprache verwiesen. Ähnliche Verfahren wie innerhalb der konkreten Poesie, die Verwandtschaft des Hörromans mit Lautgedichten, das schriftliche Erscheinungsbild, das an einigen Stellen im Roman an visuelle Poesie erinnert, Wortzusammensetzungen und Konsonantenhäufungen, die zu Kakophonien verschmelzen, all das verschafft den Eindruck, dass die Form im Mittelpunkt steht und „Verstehen“ hauptsächlich dadurch generiert wird, dass man sich auf die Analyse der Form konzentriert. Fragen, die sich bei dieser rein formalen Betrachtungsweise ergeben, sind unter anderem: Wird die Sprache (und weiterführend auch der Inhalt des Romans) durch die Betonung auf die Form semantisch entleert und ist das Anliegen der Autorin tatsächlich als ein rein sprachphilosophisches zu betrachten? Durch eine formalistische Herangehensweise wird der Inhalt jedoch in den Hintergrund gerückt und gerade die gesellschafts- und genderkritische Instanz, die für die Werke Elfriede Jelineks essentiell ist, geht dabei verloren. Was jedoch, wenn die Form des Romans unter dem Paradigma der Antiform interpretiert wird? Nicht das Endprodukt an und für sich, sondern die Performanz (der Schaffensprozess) wird dadurch in den Vordergrund gerückt und dabei die Form bzw. auch der Werkbegriff
selbst dekonstruiert. Diese Herangehensweise führt weg von der Betonung der Form und öffnet den Zugang zu postmodernen Analysekriterien. Antiform, Anti-Narrative, Polyphonie etc. werden von Ihab Hassan in seinem Aufsatz Towards a Concept of Postmodernism (1987) als postmoderne Kriterien etabliert, die zwar die Form betreffen, aber es auch ermöglichen, den für den Roman bukolit ausschlaggebenden Punkt der Ironie ebenfalls in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht mehr die Form per se steht dann im Vordergrund, sondern der ironische Akt bzw. die Parodie. Unter diesem Gesichtspunkt der sprachlichen Parodie eröffnet sich unter Linda Hutcheons Definition von Parodie auch der Weg für die Analyse der sozialen Dimension des Romans. Hutcheon verbindet nämlich in ihrem Buch Poetics of Postmodernism: History, Theory, Fiction (1988) Parodie mit einem geschichtlichen und ideologischen Aspekt. Parodie wird dabei als eine Wiederholung unter kritischer Distanz verstanden, und zwar sowohl als sprachliche wie auch als gesellschaftliche Wiederholung von Normen und Mustern. Ästhetik (Form) sei demnach nicht selbstreferentiell, sondern weise immer auf ein außerhalb der Ästhetik stehendes Element hin, da die Form nicht ohne bereits bestehende Verweise existieren könne, woraus bei Wiederholung bzw. Parodie ein „Nutzen“ entstehe. Die Frage, die daher aufgeworfen wird, ist, ob durch die Hervorhebung der ironischen und parodistischen Elemente eine neue (zweite) sozial- und genderkritische Dimension im Roman bukolit zum Vorschein tritt, die nicht nur durch die Form betont wird, sondern besonders durch den „Nutzen“ entsteht, der aus der Parodie ästhetischer Form hervorgeht.

26.6.2014

Informationen zu Judith Strobich

Andreas Heimann: Die Zerstörung des Ich. Subjektkonstituierung im Werk Elfriede Jelineks

Dissertation 

Abstract

Bärbel Lücke weist in ihrer Einführung auf den besonderen Umstand hin, dass es sich im Falle Jelineks um eine „poeta docta“ handelt. Ein Umstand, dem in einer wissenschaftlichen Analyse unbedingt Rechnung getragen werden sollte. Wurden dem Wirken von Roland Barthes Thesen auf das Jelineksche Œuvre längst diverse Arbeiten gewidmet, soll die zu erstellende Analyse dem von Lücke angemerkten Befund Rechnung tragen.
Um eine möglichst vielschichtige Betrachtung des Jelinekschen Werkes zu garantieren, soll die poststrukturalistische Analyse in all ihrer Vielfalt zum Tragen kommen. Die Diskursanalyse im Sinne Foucaults, mit Ideen wie der Archäologie oder Einschreibungsverfahren, soll dabei ebenso zum Tragen kommen wie eine psychoanalytische Lesart. Dieses Deutungsverfahren, wird in Bezug auf Probleme einer Subjektkonstituierung dominierend für die Lektüre sein. Hierfür sollen sowohl die frühen Ideen von Freud erfasst werden, aber insbesondere dessen Relektüre durch Lacan zur Interpretation dienen. Lacans Idee, dass das Unterbewusste wie eine Sprache strukturiert sei, wird dabei in all seiner Ambivalenz Verwendung finden. Exegeten wie Žižek, aber auch scheinbare Kritiker wie Deleuze und Guattari sollen einen kritischen Diskurs beispielsweise zur Bedeutung des Phantasmas in Jelineks Texten befördern. Der Schrifttheorie soll im Sinne der Dekonstruktion von diachronen Systemen Rechnung getragen werden. Dabei ist mit der Zertrümmerung einer hierarchischen Ordnung, wie ihn die poststrukturalistische Schule dekliniert, bereits eine der entscheidenden Verfahren der Jelinekschen Poetik zu erfassen.
Dem dramatischen Text Krankheit oder Moderne Frauen (1987) kommt in der nachzuzeichnenden poetologischen Entwicklung von Jelineks Œuvre eine besondere Position zu. Denn rekurrierend auf früheste Texte Jelineks gewinnt die Phantastik und mit ihr die Horrorgestalten zunehmend an Einfluss. Die Auflösung von Realitäten im apokalyptischen Szenario und die damit verknüpften Zerstörungen von Dichotomien im Raum der Phantastik sind zu verhandelnde Fragestellungen.
Die Frage nach dem Subjektstatus erweist sich dabei als immanenter, aber auch als ein sich stets weiterentwickelnder Bestandteil aller Texte. Das Subjekt im Medienzeitalter, die besondere Perspektive einer Einschließung des Individuums in prädestinierte Formen, die Sexualität als Ich-Bildner und schließlich die Phantastik, als Möglichkeitsraum einer neuen Subjektivität, sind zu verhandelnde Themen der Jelinekschen Texte. Und mögen sich die Ansätze und Zugänge zu diesem Thema auch über die Jahre in unterschiedlichsten Varianten ausgebildet haben, hinterfragen sie doch auch immer die bestehende Ordnung. Es ist dies der Blick hinter eine vermeintlich feste Realität die sich zunehmend als Signifikantenrealität entlarvt. Dieses Erkennen, geeint in dem Anspruch einer gleichzeitigen Durchbrechung des artifiziellen Konstrukts, soll als der zentrale Aspekt des Jelinekschen Schreibens Beachtung finden.
Damit soll erstmalig nicht allein die Problematik einer Subjektkonstituierung in das Zentrum einer  Analyse zu Jelinektexten vorgenommen werden, sondern selbige in einer Genealogie als deren Zentrum erkannt werden. Es ist dies ein Fall des Subjekts in eine Selbstbewusstlosigkeit der immer auch auf eine Signifikantenrealität verweist.
Wird der erste Teil der Analyse Jelineks Texte auch immer in eine literaturhistorische Tradition einbinden, soll sich der zweite Teil der Betrachtungen, außer in Rekurs auf andere Jelinektexte, maßgeblich auf Die Kinder der Toten (1995) konzentrieren.

26.6.2014

Informationen zu Andreas Heimann