Nina Peter: Poetiken der Ökonomie. Ökonomische Spekulationsstrategien und Finanzkrisen in der Gegenwartsliteratur

Dissertation

Abstract

Das Dissertationsprojekt fragt nach den Darstellungsweisen von Finanzkrisen und zeitgenössischen ökonomischen Spekulationspraktiken in der Gegenwartsliteratur. Entgegen der inzwischen zum Topos gewordenen ‚Literaturunfähigkeit‘ der zeitgenössischen Finanzwirtschaft liegt der Arbeit die These zugrunde, dass gerade die spezifischen Charakteristika der Thematik der Spekulation und Finanzkrisen eine besondere Affinität zu Darstellungsweisen der postmodernen und postdramatischen Literatur aufweisen, die sich in den unterschiedlichen Bearbeitungen dieser Thematik in literarischen Gegenwartstexten widerspiegelt. Die Arbeit geht der Frage nach, wie die literarischen Texte den ‚Darstellungshürden‘, die mit der Finanzwirtschaft einhergehen (Komplexität der Ereignisse und Kausalzusammenhänge, Vorherrschen eines schwer verständlichen mathematisierten Spezialdiskurses, Abstraktion und Immaterialität der Krisenereignisse, unklare Referenzverhältnisse der ‚Marktzeichen‘, Stattfinden der Marktereignisse ‚im Medium‘), begegnen und welche Deutungen der finanzwirtschaftlichen Ereignisse des 21. Jahrhunderts in den literarischen Texten zu finden sind. Die Arbeit nimmt detaillierte Analysen der drei Texte Cosmopolis von Don DeLillo, Die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek und The Power of Yes von David Hare vor und ergänzt diese um vergleichende Ausblicke auf einen umfangreichen Korpus literarischer Texte über die Finanzwirtschaft. Ergänzt werden die Analysen jeweils um Untersuchungen der Darstellung von Finanzkrisen und Spekulationspraktiken in anderen Medien (bildende Kunst, journalistische Berichterstattung, populärwissenschaftliche Sachbücher), die als Kontrastfolien dazu dienen sollen, die Spezifika der literarischen Darstellung den Poetiken der Darstellungen in anderen Medien gegenüberzustellen.

4.7.2014

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Kyriaki Demiri: Elfriede Jelinek: Politics and Feminism. A kaleidoscope of modern Austria

Dissertation 

Abstract

This Ph.D dissertation focuses on the study of the political theatre of the Austrian playwright Elfriede Jelinek (born 1946), while it uses as the main methodological tool the feminist and postfeminist theory. For that, we chose the following five plays of the nobel prize winner: Das Lebewohl (2000), Ein Sportstück (1988), Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte; oder Stützen der Gesellschaften (1984), Krankheit oder Moderne Frauen (1984), and Burgtheater (1985).
The dissertation is divided in three parts: in the first part, we examine the historic context, the Austian cultural framework and the broader framework that shapes the jelinekian dramaturgy. In the second part, we present our theoretical tool. The third part, which is the main part of the dissertation, focuses on the plays. Initially, we examine Das Lebewohl and more precisely the ways in which the fascist rhetoric is connected to the construction of gender. In Ein Sportstück, we shed a light on the notion of “body”, on its approach by the sports world and the distinction between male and female bodies. This chapter examines the physical as well as the artistic body of the playwright herself. In the next chapter, we examine Nora and the relationship of feminism to capitalism. Then, by studying Krankheit we present the main pattern of vampirism and the way it brings out women’s responsibility in the so-called “feminist issue”. A parallel examination of the two plays leads to conclusions concerning the playwright’s aesthetic strategy. In the final chapter, in Burgtheater, we point out how Jelinek clearly articulates her concerns and aesthetic positions. The dissertation finishes with conclusions.

28.1.2019

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Roberto Nicoli: Stilentwicklung im Theater Elfriede Jelineks

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

„Ich will kein Theater, ich will ein anderes Theater, ich mache es sehr sprachzentriert“: Elfriede Jelinek bekennt sich zu einem Theater, in der die Sprache immer eine sehr wichtige Stellung – und oft sogar die Protagonistenrolle – einnimmt. Dies gilt sowohl für den schriftlichen Text als auch für dessen Bühneninszenierung. Dementsprechend sollen die Schauspieler zum Beispiel keine individuellen Charakterzüge imitieren, sondern die Sprache selbst verkörpern, mit der die Autorin ihre eigenen Gedanken zum Ausdruck bringt. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Autorin die Theatertexte so gestaltet, dass die Figuren aus der Szene fast verschwinden und ins Abseits gedrängt werden, um der Sprache Freiraum zu lassen. In dieser Hinsicht bilden Jelineks Werke einen regelrechten Widerstandsakt gegen das konventionelle Theater.
Die Schriftstellerin plädiert für ein „Sprachtheater“, ein „Texttheater“, bei dem eine Viehzahl von instinktiven und magmatischen Stimmen aus der Sprache selbst entstehen und interagieren. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Evolution des Stils in ihren Dramen zu beschreiben. Hierzu wird Stil also nicht als normativ wertenden Stilbegriff, der Stil mit gutem Stil gleichsetzt, verstanden, sondern unter einem deskriptiven Gesichtspunkt als Auswahl aus mehreren Ausdrucksmöglichkeiten bzw. als Abwägen zwischen dem Einhalten von Konventionen und ihrer Durchbrechung. Zu diesem Zweck werden beispielhafte Werke in Betracht gezogen, die in verschiedenen Phasen der Jelinekeschen Produktion veröffentlicht wurden: Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften (1979), Totenauberg (1991) und Bambiland (2004).
Die Analyse stützt auf die von Sowinski und Eroms erarbeiteten Stilkategorien. Erstens werden makrostilistische Merkmale (mündliche und schriftliche Kommunikation, Interpunktion, Graphostilistik, Stilprinzipien, Stilfärbung, Gattungsstil, Authentizitätsgrad, Erzählhaltung) berücksichtigt, zweitens werden mikrostilistische Eigenschaften (Satzlänge, Perioden, Wortstellung, Satzarten, Wortschatz, rhetorische Figuren usw.) untersucht. Aufgrund der festgelegten Kriterien und der ermittelten Analyseergebnisse werden schließlich einige Entwicklungen und Tendenzen identifiziert, die die stilistische Evolution des Jelinekschen Theaters kennzeichnen.

27.6.2014

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Brigitte Stocker: Das satirische Zitat bei Karl Kraus und Elfriede Jelinek

Teilaspekt der Habilitation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

In Elfriede Jelineks Text Die brennende Hosenhaut, der die Berichterstattung und die darauffolgenden Postings über den Fall eines Asylbewerbers, der sich selbst anzündete, analysiert, bezieht sich die Autorin auf einen Text von Karl Kraus in der Fackel.
Der Satiriker veröffentlichte dort einen Briefwechsel von Rosa Luxemburg, die in ihrem Breslauer Gefängnis Mitleid mit den im Hof gequälten Büffeln zeigte. Die Rezipienten journalistischer Gebrauchstexte, das zeigt Kraus am Beispiel des zynischen Kommentars in einer Zusendung einer Innsbrucker Leserbriefschreiberin, sind zu dieser Empathie nicht mehr fähig und kommentieren das Leid anderer mit ausgesprochener Gehässigkeit. Den polemischen Ausbruch gegen das Phänomen ‚Posting‘ und die darin zum Ausdruck kommende bestialische Gesinnung bezeichnet Jelinek in ihrem Essay als die „stärkste bürgerliche Prosa der Nachkriegszeit“ und nennt Kraus den „Gutmenschen einer vergangenen Zeit“.
Das geplante Projekt will den intertextuellen Schreibverfahren der beiden AutorInnen nachgehen. Es sollen ausgewählte essayistische Texte von Karl Kraus und Elfriede Jelinek auf die Zitattechnik hin untersucht werden, denn die Parallelen zwischen dem Traditionsbegründer der österreichischen Nestbeschmutzung und der bedeutendsten österreichischen „Nestbeschmutzerin“ der Gegenwart in deren Reaktion auf das jeweilige Zeitgeschehen und dessen polemische Verarbeitung sind äußerst bemerkenswert. In Jelineks und Kraus‘ Texten werden in Massenmedien gedankenlos verwendete Redensarten aufgegriffen, die vom Textsubjekt (Persona) kommentiert, transformiert und dekonstruiert werden. Beiden dienen Zitate im rhetorischen Sinne als Evidentia, sie sind Beweise für die Konstatierung einer „verkehrten Welt“ (Schwind, Satire in funktionalen Kontexten). Beide AutorInnen, die erstaunlich schnell auf das Zeitgeschehen satirisch reagieren, machen in ihren Texten einen exorbitanten Gebrauch dieser Evidenzmittel in Form von intertextuellen Figuren, die sich nach ihrer Wirkabsicht einteilen lassen. Es findet sich eine Fülle von Bezügen auf einerseits „klassische“ Literatur wie Shakespeare, Goethe, Jean Paul etc. (affirmativ zitierte, fremde Textsegmente) und Zeitungsmaterial (pejorativ verwendete Text- und Bildsegmente). Es soll untersucht werden, wie sich durch die Montage dieser Materialien neue Kontexte ergeben und wie die verschiedenen Textsegmente in einen Dialog miteinander treten, den das Textsubjekt dirigiert.

26.6.2014

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Judith Strobich: „bukolit.hörroman“ – Antiform oder Formalismus? Die Beziehung zwischen Ästhetik, Parodie und deren „Nutzen“

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Elfriede Jelineks erstes Prosawerk bukolit (verfasst 1968, herausgegeben 1979) wird, um dieses Werk überhaupt klassifizieren zu können, gerne in Beziehung zur Wiener Gruppe gesetzt und dabei auf deren Herangehensweise an Sprache verwiesen. Ähnliche Verfahren wie innerhalb der konkreten Poesie, die Verwandtschaft des Hörromans mit Lautgedichten, das schriftliche Erscheinungsbild, das an einigen Stellen im Roman an visuelle Poesie erinnert, Wortzusammensetzungen und Konsonantenhäufungen, die zu Kakophonien verschmelzen, all das verschafft den Eindruck, dass die Form im Mittelpunkt steht und „Verstehen“ hauptsächlich dadurch generiert wird, dass man sich auf die Analyse der Form konzentriert. Fragen, die sich bei dieser rein formalen Betrachtungsweise ergeben, sind unter anderem: Wird die Sprache (und weiterführend auch der Inhalt des Romans) durch die Betonung auf die Form semantisch entleert und ist das Anliegen der Autorin tatsächlich als ein rein sprachphilosophisches zu betrachten? Durch eine formalistische Herangehensweise wird der Inhalt jedoch in den Hintergrund gerückt und gerade die gesellschafts- und genderkritische Instanz, die für die Werke Elfriede Jelineks essentiell ist, geht dabei verloren. Was jedoch, wenn die Form des Romans unter dem Paradigma der Antiform interpretiert wird? Nicht das Endprodukt an und für sich, sondern die Performanz (der Schaffensprozess) wird dadurch in den Vordergrund gerückt und dabei die Form bzw. auch der Werkbegriff
selbst dekonstruiert. Diese Herangehensweise führt weg von der Betonung der Form und öffnet den Zugang zu postmodernen Analysekriterien. Antiform, Anti-Narrative, Polyphonie etc. werden von Ihab Hassan in seinem Aufsatz Towards a Concept of Postmodernism (1987) als postmoderne Kriterien etabliert, die zwar die Form betreffen, aber es auch ermöglichen, den für den Roman bukolit ausschlaggebenden Punkt der Ironie ebenfalls in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht mehr die Form per se steht dann im Vordergrund, sondern der ironische Akt bzw. die Parodie. Unter diesem Gesichtspunkt der sprachlichen Parodie eröffnet sich unter Linda Hutcheons Definition von Parodie auch der Weg für die Analyse der sozialen Dimension des Romans. Hutcheon verbindet nämlich in ihrem Buch Poetics of Postmodernism: History, Theory, Fiction (1988) Parodie mit einem geschichtlichen und ideologischen Aspekt. Parodie wird dabei als eine Wiederholung unter kritischer Distanz verstanden, und zwar sowohl als sprachliche wie auch als gesellschaftliche Wiederholung von Normen und Mustern. Ästhetik (Form) sei demnach nicht selbstreferentiell, sondern weise immer auf ein außerhalb der Ästhetik stehendes Element hin, da die Form nicht ohne bereits bestehende Verweise existieren könne, woraus bei Wiederholung bzw. Parodie ein „Nutzen“ entstehe. Die Frage, die daher aufgeworfen wird, ist, ob durch die Hervorhebung der ironischen und parodistischen Elemente eine neue (zweite) sozial- und genderkritische Dimension im Roman bukolit zum Vorschein tritt, die nicht nur durch die Form betont wird, sondern besonders durch den „Nutzen“ entsteht, der aus der Parodie ästhetischer Form hervorgeht.

26.6.2014

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Andreas Heimann: Die Zerstörung des Ich. Subjektkonstituierung im Werk Elfriede Jelineks

Dissertation 

Abstract

Bärbel Lücke weist in ihrer Einführung auf den besonderen Umstand hin, dass es sich im Falle Jelineks um eine „poeta docta“ handelt. Ein Umstand, dem in einer wissenschaftlichen Analyse unbedingt Rechnung getragen werden sollte. Wurden dem Wirken von Roland Barthes Thesen auf das Jelineksche Œuvre längst diverse Arbeiten gewidmet, soll die zu erstellende Analyse dem von Lücke angemerkten Befund Rechnung tragen.
Um eine möglichst vielschichtige Betrachtung des Jelinekschen Werkes zu garantieren, soll die poststrukturalistische Analyse in all ihrer Vielfalt zum Tragen kommen. Die Diskursanalyse im Sinne Foucaults, mit Ideen wie der Archäologie oder Einschreibungsverfahren, soll dabei ebenso zum Tragen kommen wie eine psychoanalytische Lesart. Dieses Deutungsverfahren, wird in Bezug auf Probleme einer Subjektkonstituierung dominierend für die Lektüre sein. Hierfür sollen sowohl die frühen Ideen von Freud erfasst werden, aber insbesondere dessen Relektüre durch Lacan zur Interpretation dienen. Lacans Idee, dass das Unterbewusste wie eine Sprache strukturiert sei, wird dabei in all seiner Ambivalenz Verwendung finden. Exegeten wie Žižek, aber auch scheinbare Kritiker wie Deleuze und Guattari sollen einen kritischen Diskurs beispielsweise zur Bedeutung des Phantasmas in Jelineks Texten befördern. Der Schrifttheorie soll im Sinne der Dekonstruktion von diachronen Systemen Rechnung getragen werden. Dabei ist mit der Zertrümmerung einer hierarchischen Ordnung, wie ihn die poststrukturalistische Schule dekliniert, bereits eine der entscheidenden Verfahren der Jelinekschen Poetik zu erfassen.
Dem dramatischen Text Krankheit oder Moderne Frauen (1987) kommt in der nachzuzeichnenden poetologischen Entwicklung von Jelineks Œuvre eine besondere Position zu. Denn rekurrierend auf früheste Texte Jelineks gewinnt die Phantastik und mit ihr die Horrorgestalten zunehmend an Einfluss. Die Auflösung von Realitäten im apokalyptischen Szenario und die damit verknüpften Zerstörungen von Dichotomien im Raum der Phantastik sind zu verhandelnde Fragestellungen.
Die Frage nach dem Subjektstatus erweist sich dabei als immanenter, aber auch als ein sich stets weiterentwickelnder Bestandteil aller Texte. Das Subjekt im Medienzeitalter, die besondere Perspektive einer Einschließung des Individuums in prädestinierte Formen, die Sexualität als Ich-Bildner und schließlich die Phantastik, als Möglichkeitsraum einer neuen Subjektivität, sind zu verhandelnde Themen der Jelinekschen Texte. Und mögen sich die Ansätze und Zugänge zu diesem Thema auch über die Jahre in unterschiedlichsten Varianten ausgebildet haben, hinterfragen sie doch auch immer die bestehende Ordnung. Es ist dies der Blick hinter eine vermeintlich feste Realität die sich zunehmend als Signifikantenrealität entlarvt. Dieses Erkennen, geeint in dem Anspruch einer gleichzeitigen Durchbrechung des artifiziellen Konstrukts, soll als der zentrale Aspekt des Jelinekschen Schreibens Beachtung finden.
Damit soll erstmalig nicht allein die Problematik einer Subjektkonstituierung in das Zentrum einer  Analyse zu Jelinektexten vorgenommen werden, sondern selbige in einer Genealogie als deren Zentrum erkannt werden. Es ist dies ein Fall des Subjekts in eine Selbstbewusstlosigkeit der immer auch auf eine Signifikantenrealität verweist.
Wird der erste Teil der Analyse Jelineks Texte auch immer in eine literaturhistorische Tradition einbinden, soll sich der zweite Teil der Betrachtungen, außer in Rekurs auf andere Jelinektexte, maßgeblich auf Die Kinder der Toten (1995) konzentrieren.

26.6.2014

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Gloria Höckner: Elfriede Jelineks Sprache als Körper, Körper als Resonanz

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Mein Projekt besteht in der Verschränkung künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung, die sich mit dem Theatertext Über Tiere befasst. Hierbei wird Jelineks Perspektive auf Gender nicht von einem rein feministischen Standpunkt aus befragt, sondern vor allem unter dem Aspekt der Auflösung binärer Denkweisen und der Kritik an Identität, dieser „am meisten naturalisierte Kategorie“1), wodurch queer-theoretische und performative Ansätze (genauer die Theorie der Performativität von Geschlecht von Judith Butler) aufschlussreich scheinen.2)
In dem Theatertext Über Tiere gibt es eine Trennung des Textflusses in weibliches und männliches Sprechen, jedoch sonst kein personalisiertes Sprechen in Form von Figurenreden. Somit, so meine These, wird das binäre Denken in Hinblick auf die Geschlechterkonstitution thematisiert und auf die dramatische binäre Struktur (Monolog/Dialog) übertragen. In anderen Worten wird die dramatische binäre Form als strukturierendes Normativ thematisiert und Geschlecht als diskursives Konstrukt innerhalb der binären Logik verortet, welches sich durch die Annahme einer Rolle körperlich materialisiert. Durch Elfriede Jelineks ästhetische Verfahren, ihre rhizomatische Schreibweise, werden die binäre Geschlechterlogik und die klassische Dramenform jedoch zersetzt und auf aisthetischer Ebene andere Wahrnehmungsformen angesprochen, die (noch) nicht in der Ordnung der Repräsentation festgeschrieben sind.
An der Schwelle zwischen „der Ordnung der Präsenz“ und der „Ordnung der Repräsentation“3) kann ein Konzept von Performativität angesiedelt werden, das einbegreift, „dass etwas zu tun immer auch heißt, dass ein Tun aufgeführt wird. Diese Aufführung ist zugleich eine Wieder-Aufführung, die das Anderswerden des Aufgeführten einschließt.“4)
Renate Lorenz zufolge können kulturelle Produkte wie Theater, Filme, Bilder, etc. auch als Anrufungen fungieren und sich am Prozess der Subjektivierung beteiligen.5) Sie sind aber ebenso in der Lage, die Anrufungen zu unterbrechen, wie dies von Über Tiere geleistet werden kann.6)
Von diesem theoretischen Hintergrund ausgehend, wird Jelineks Text Über Tiere des Weiteren nicht als abgeschlossenes Werk analysiert, sondern die Unabgeschlossenheit und Offenheit des rhizomatisch wuchernden Textes soll ernst genommen und in andere Dimensionen (genauer in choreographische und musikalische) weitergetragen werden. In meiner künstlerischen Forschung (Performance Art), wurde der Frage nachgegangen, was es bedeutet, wenn die Sprache selbst sprechen geht. Dabei wird Sprache selbst als Körper zu verstehen gesucht, um diesen als eigenen Klang-Körper in Resonanz zu den performenden Körpern auftreten zu lassen. Daraus resultiert die Frage nach dem Körper in Jelineks Texten für das Theater. Wie kann der Körper selbst als Resonanzkörper, der sich im Verhältnis der Resonanz zu anderen Körpern und seiner Umwelt konstituiert verstanden werden? Hier scheint auch die Relevanz auf, Jelineks Texte fürs Theater in einen theatralen Raum zu setzen, um die Möglichkeit des Anderswerdens des Aufgeführten performativ zu erschließen.

Art des Vorhabens
In meiner Diplomarbeit (Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Uni Wien bei Frau Prof. Meister, 2014) mit dem Titel „Theater als Verweigerung. Queere Perspektiven in Elfriede Jelineks Theatertext Über Tiere“ bin ich der Frage nachgegangen, wie Jelineks ästhetische Verfahren als subversive künstlerische Praxis verstanden werden können, die einen queeren Gegendiskurs starten, welcher die durch kulturelle Narrative naturalisierte Reproduktion von Heteronormativität und die damit verbundenen Machtstrukturen angreift. Umgekehrt wurde das Potential von queer als künstlerische Strategie untersucht, um hegemoniale Normen zu unterwandern und dichotome Geschlechterkategorien zumindest aufzuweichen. Daraus entwickelte sich eine Verschränkung von sowohl theoretischer als auch künstlerischer Forschung.
Daran anknüpfend möchte ich innerhalb des Workshops einerseits der Frage nachgehen, inwiefern eine solche Verschränkung eine fruchtbare Methode ist, was sie an neuen Möglichkeiten öffnet, aber auch, wie eine solche Methode aussehen kann. Andererseits möchte ich dieser Frage konkret an dem aus meiner Diplomarbeit resultierenden Konzept eines Resonanzkörpers (siehe Abstract) nachgehen, um zu prüfen, wie weit eine Öffnung der Forschungsmethode auf künstlerische Mittel trägt, aber auch inwiefern sich ein daraus gewonnenes Konzept tatsächliche als fruchtbar für eine weitere Forschung an Jelineks Texten erweist.

Fußnoten
1) Jagose, Annemarie, Queer Theory. Eine Einführung, Berlin: Querverlag2 2005, S. 101.
2) Die Entnaturalisierung jedweder Identitätskonzeptionen, die die Differenz und Vielheit der Menschen zu vereinheitlichen und in beispielsweise einer nationalen Identität zu repräsentieren suchen, kann außerdem als Thema beschrieben werden, dass sich durch sämtliche Arbeiten Jelineks zieht.
3) Fischer-Lichte, Erika, Ästhetik des Performativen, Frankf. a. M.: Suhrkamp 2004, S. 272.
4) Seier, Andrea, Remedialisierungen. Zur Performativität von Gender und Medien, Diss. Bochum, Ruhr-Univ. 2005, S. 81.
5) Vgl. Lorenz, Renate, Aufwändige Durchquerungen. Subjektivität als sexuelle Arbeit, Bielefeld: Transcript 2009, S. 113ff, (Orig. Diss. Univ. Oldenburg 2008); zit. n.: Lorenz, Queer Art, S. 18.
6) Vgl. Lorenz, Renate, Queer Art. A Freak Theory, Bielefeld: transcript 2012, S. 18.

25.6.2014

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Uta Degner: Pop nicht als Pop. Elfriede Jelineks Romane „wir sind lockvögel baby!“ und „Michael“ im literarischen Feld der frühen 1970er Jahre

Teilaspekt der Habilitation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Im Rahmen meines Habilitationsvorhabens diskutiere ich Jelineks Prosawerk als bestimmt vom Prinzip der „doppelten Distinktion“ (Pierre Bourdieu): ihre Texte positionieren sich zu jeweils zwei prononciert antagonistischen Kontexten und generieren aus dem daraus entstehenden Spannungsverhältnis eine Energie, die das Herz der Jelinekschen Poetik darstellt. Die ersten beiden Romane, wir sind lockvögel baby! (1970)und Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft (1972) lassen sich dabei auf die paradoxe Formel ‚Pop nicht als Pop‘ bringen: Sie arbeiten intensiv mit stilistischen Übernahmen aus der Pop-Avantgarde (Cut up-Techniken, Sprache des Obszönen und sexuell Expliziten, Anleihen am Trivialen), aber kritisieren in der Form ihrer Darstellung – Überzeichnung und Hyperbolisierung von Gewalt – zugleich die affirmative Haltung der Popkultur. Es gibt daher in der Forschung noch immer eine Diskussion, ob Jelineks Werk der Pop-Kultur zuzurechnen sei oder nicht gerade als Anti-Pop einzuschätzen ist. Mein Beitrag möchte in einer genauen Relationierung zu zeitgleichen literarischen Positionen (v.a. Rolf Dieter Brinkmanns und Peter Handkes) die spezifische ästhetische Logik der ambivalenten Positionierung Jelineks herausarbeiten. In Weiterführung der Monographie Lea Müller-Dannhausens und unter methodischer Orientierung an Pierre Bourdieus Konzept des literarischen Feldes soll gezeigt werden, wie Jelinek bereits mit diesen Frühwerken feldtheoretisch ein ästhetisches ‚Allein-stellungsmerkmal‘ entwickelt, das die Logik des von Bourdieu beschriebenen zweifachen Bruches ins 20. Jahrhundert transferiert.

25.6.2014

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Beate Schirrmacher: Gewalt(same) Musik. Transmediale Gemeinsamkeiten von Gewalt und Musik in der Literatur

Forschungsprojekt

In vielen literarischen Werken wird Musik mit Gewalt in Verbindung gebracht. Die Verbindung von klassischer Musik und Gewalt ist über den Rahmen der Literatur hinaus besonders, z.B. auch aus der Filmmusik geläufig. Die Verbindung von Musik und Gewalt erscheint als transmedialer Topos, der oft als gewollter Kontrast von Zivilisation und Barbarei gedeutet wird, aber auch als Reflexion des tatsächlichen historischen Ge/Missbrauchs der Musik im Kontext von Gewalt und Folter zu verstehen ist. Angesichts der Häufigkeit dieser Verbindung stellt sich die Frage, ob die Gründe hierfür weniger als Kontrast zu verstehen sind, sondern auf einem Ähnlichkeitsverhältnis beruhen.
Dieses Projekt will die Frage eines gemeinsamen Nenners von Gewalt und Musik näher untersuchen. Die Art und Weise der intermedialen Bezüge zur Musik im Kontext von Gewalt in den Werken von Heinrich von Kleist, Thomas Mann, Elfriede Jelinek und Anthony Burgess geben in ihrer Reflexion dieses Zusammenhangs Hinweise diskursiver wie struktureller Art.
Hier wird Musik und ihre Ausübung mit auch mit Metaphern der Gewalt geschildert, wie in Heinrich von Kleists „Die Legende der Heiligen Cäcilie oder Die Gewalt der Musik“ (1810) oder in Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin (1983). Dies legt die Vermutung nahe, dass der wiederkehrende Gebrauch der Musik im Kontext der Gewalt auf einer grundlegenden Gemeinsamkeit von Musik und Gewalt beruht, die häufig verwendet, selten reflektiert und in oben genannten Literaturbeispielen strukturell genutzt oder diskursiv thematisiert wird. Besonders provozierend stellt Anthony Burgess diese Verbindung in A Clockwork Orange (1962) her.
Die Verbindung zwischen Gewalt und Musik ist bislang hauptsächlich für bestimmte Werke oder Epochen untersucht worden, nach übergreifenden, medial bedingten Gründen ist dabei jedoch nicht gefragt worden. Diese Forschungslücke soll mit diesem Projekt geschlossen werden. Dabei gehe ich von den Ergebnissen meiner Dissertation aus, in der intermediale Bezüge zur Musik in der Literatur als Steigerung der transmedialen, also Musik und Literatur gemeinsamen, Kennzeichen erklärt werden können. Folglich stellt sich die Frage, ob auch die Verbindung von Musik und Gewalt, wie sie in den genannten Texten thematisiert wird, etwas über Eigenschaften der Musik aussagt, die sie mit Gewalt teilt. Der Schlüssel zu dieser Verbindung scheint in einem performativen Musikkonzept zu liegen, das die direkte körperliche Wirkung der Musik hervorhebt.
Dabei kann die Diskussion einer Gemeinsamkeit zwischen Musik und Gewalt zeigen, wie innerhalb der Intermedialitätstheorie entwickelte Methoden konstruktiv auf neue Zusammenhänge angewendet werden können. Dieser Ansatz ermöglicht es auch, dass in diesem Projekt eine literaturwissenschaftliche Analyse Antwort auf eine Frage gebe kann, die weit über den Rahmen der Literaturwissenschaft hinaus relevant ist.

24.6.2014

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Sylvia Paulischin-Hovdar: „Das Lebewohl“ – kein rechter Abschied

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Das angedachte Forschungsprojekt fokussiert auf Fragen der interpretatorischen Praxis, die am Beispiel des kleinen (aber wortgewaltigen) Theatermonologs Das Lebewohl – ein „Meisterstück literarischer Rhetorik“1) – aus dem österreichischen „Wende“-Jahr 2000 verhandelt werden sollen. Vorgeschlagen wird eine interdisziplinäre Herangehensweise, die aktuelle geschichtswissenschaftliche Faschismus- und Opfermythostheorien in die Textanalyse integriert, um auf diese Weise zu neuen Deutungsmöglichkeiten zu gelangen.
Jelineks Haider-Figur DER SPRECHER ist als homophiler Narziss dargestellt, der im Monolog seine durch den Rückzug aus der Bundes- in die Kärntner Landespolitik entstandenen Wunden leckt. Die paradoxe Sprache der (als exemplarisch zu begreifenden) Figur, ein ständiges Mäandern zwischen Verurteilung auf der einen sowie Leugnung und trotziges Selbstmitleid auf der anderen Seite, widerspiegelt dabei das paradoxe österreichische Gedächtnis, das sich durch das Nebeneinander verschiedener, zum Teil widersprüchlicher Narrationsstränge auszeichnet (in der zeithistorischen Literatur auch als „Opfer-Täter-Gedächtnis“ bezeichnet).
Mit der rekurrenten Gegenüberstellung von „wir alle“ und „die vielen“ bzw. Variationen dieser Formulierungen beschreibt Jelinek wie nebenbei eines der wichtigsten Charakteristika faschistischer Regime, die in blindem Gemeinschaftswillen das zu vernichten trachten, was ihrer Definition nach nicht dazugehört – ein Phänomen, das die Zeitgeschichte mit dem Begriffspaar „Inklusion“/„Exklusion“ zu umschreiben weiß.
Jelineks Bühnenmonolog meint weit mehr als den damaligen Kärntner Landeshauptmann: Er kreidet die ambivalente Erinnerungskultur eines Landes an, das es bis zum heutigen Tag nicht geschafft hat, seine historische Schuld – auch sprachlich – zu internalisieren. Aktuelle Bezüge spiegeln sich in peinlichen Debatten über die „sprachpolizeiliche“ Ahndung politisch unkorrekter Begriffsverwendungen á la „Negerkonglomerat“ wider. Eine Deutungsvariante mit zeitgeschichtlicher Perspektivierung erscheint als äußerst lohnenswert.

Fußnoten
1) Wendelin Schmidt-Dengler; zitiert nach: profil, 42/2004, S. 128.

24.6.2014

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