Bärbe Lücke: (Nicht-)Erzählen im „Wurmloch“ der Zeit

Zu Elfriede Jelineks Internet-Roman Neid

„Wissen Sie, daß ich mit den Sieben Todsünden aufgewachsen bin? Invidia zum Beispiel, der Neid. Da war dieser Tisch. Aber eine änliche Figur war sogar auf mein Tellerchen gemalt, und ich aß vom Neid und aß und aß. Bis heute. Dabei war das Bild eine Fälschung.[…] Mit der Kopie einer Kopie, so fing alles an. Ist das nicht komisch?“ Weiterlesen

Claudia Dürr u. Tasos Zembylas: Sichtbares und sichtbar Machbares

Zu einigen Möglichkeiten des Mediums Internet für die Literatur

Ohne zu wissen, welche Absichten und Erwartungen Elfriede Jelinek mit der kapitelweisen Veröffentlichung ihres Romans Neid auf ihrer Homepage hegt und wie sich die Interaktion zwischen Autorin und LeserInnen in den nächsten Wochen entwickeln wird, möchten wir antizipativ einige Aspekte und Fragen betreffend des Publikationsmediums Internet diskutieren. Weiterlesen

Hans Jürgen Rabko: Die letzten Tage der Menschheit

Es wird jetzt so viel über diesen Todesmarsch geklagt, nein, wird es nicht, kennen Sie den schon? […] Da waren 150 österr. Gemeinden samt Gemeindeämtern, wo die Gemeinde auf den Punkt gebracht wird, auch heute noch, und dort blieben Erschossene und vor Erschöpfung Verstorbene erst mal zurück, aber es blieben immer noch welche übrig, also was tun? (Neid 1,19) Weiterlesen

Piari Nazmun Nesa: „Die Klavierspielerin“ in bengalischer Sprache

Im Herbst 2004 habe ich auf der Frankfurter Buchmesse ein großes Photo von Elfriede Jelinek gesehen mit der Bekanntgabe, daß sie den Literaturnobelpreis erhalten hat. Mir fiel auf, daß sie bei ihrer Schminke und ihrem Stil der Frisur sehr bewußt versucht, eine Harmonie in ihrer Ausstrahlung zu erreichen. Im Kontrast dazu scheut sie die Öffentlichkeit oder das Zusammensein in größeren Gruppen. Ich wurde neugierig auf sie und begann über sie und ihr Werk zu recherchieren. Mir wurde bewußt, daß diese Schriftstellerin an ihrem Haus in Wien kein Namensschild hat. Weiterlesen

Sead Muhamedagic: Denkfragment

Bevor ich Elfriede Jelinek als Leser und später auch als Übersetzer begegnete, hörte ich oft ihre Stellungnahmen im Radio und las Interviews, in denen sie alle möglichen Themen des aktuellen Alltags eigenartig kommentierte. Obgleich sie sich dabei relativ einfach ausdrückte, konnte ich schon auf Grund der Pointierung feststellen, daß auch in solchen Situationen eine Literatin am Werk ist. Im Herbst 1995 kaufte ich mir ihren damals erst unlängst erschienenen Roman Die Kinder der Toten. Über ihre früheren Werke war ich zwar gut informiert, aber als Leser befand ich mich in einem echten Neuland. Weiterlesen

Violanta de Raulino: Ikarus (Statement zur Produktion)

E. Jelineks Text Ikarus. Ein höheres Wesen vergegenwärtigt uns die Zwiespältigkeit und auch die Widersprüchlichkeit, in die der Mensch als ein Wesen gestellt ist, das zwar die Möglichkeit besitzt an der metaphysischen Welt teil zu haben, aber die Fesseln der physischen Gebundenheit nicht abstreifen kann. An diesem Moment kommt die Technik ins Spiel, die – um mit Peter Sloterdijk zu sprechen – da beginnt, wo der Mensch begonnen hat das Wünschen zu lernen. Ich denke, am Thema Fliegen kann man diesen Problemkreis, in dem sich der Mensch schon seit Urzeiten bewegt, am deutlichsten festmachen. Weiterlesen

Claudia Baricco: Elfriede Jelinek lesen

Als ich Elfriede Jelineks Texte Bambiland und Babel zu übersetzen anfing, stellte sich bei mir folgende Frage: „Haben die Nobelpreisjuroren ihre Texte wirklich gelesen?“ Ich war von einer Antwort fest überzeugt und die lautete: höchstwahrscheinlich nicht; jedenfalls sicherlich nicht viele. Um Jelinek einen Nobelpreis zu verleihen, ist es unumgänglich, ihre Texte in der Originalfassung zu lesen. – Erst vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass der alte Nobelpreisjuror Knut Ahnlund eingestanden hat, dass er, als Jelinek den Preis bekam, noch keine Zeile von ihr gelesen hatte. „Wer hat Jelinek gelesen?“, fragte ich mich damals. Ich selber jedenfalls nicht, obwohl ich schon einige Jahre davor im Rahmen meiner Tätigkeit als Filmuntertitelschreiberin einen Dokumentarfilm über die Autorin übersetzt hatte und dann voller Begeisterung ein paar Zeitungsartikel über ihr Werk und Denken geschrieben hatte. Diese erweckten übrigens sehr großes Interesse in Buenos Aires. Weiterlesen

Michael Schmidt: Und die Tradition

Tagungsbericht

Unter diesem ganz offensichtlich der Goethe-Philologie geschuldeten Titel trafen sich vom 1.-3. Juni 2006 in der kleinen nordnorwegischen Universitätsstadt Tromsø etwa zwanzig jüngere, bislang zumeist noch wenig etablierte Forscherinnen und Forscher aus den USA, Belgien, Deutschland, Österreich, Ungarn, Polen, Litauen und Norwegen, um das Werk Elfriede Jelineks zu diskutieren. Arrangiert und durchgeführt wurde die Konferenz von der Tromsøer Literaturwissenschaftlerin Cathrine Theodorsen, deren Leopold von Andrian und dem Wiener Dilettantismus um 1900 gewidmete Dissertation soeben erscheint. Weiterlesen

Slavo Šerc: Die Liebhaberinnen und Lust auf Slowenisch

Meine erste übersetzerische Beschäftigung mit Elfriede Jelinek datiert aus dem Jahr 1994. Damals habe ich für die slowenische Literaturzeitschrift „Literatura“, Heft 42, einen Auszug aus dem Roman Die Liebhaberinnen übersetzt. Ich habe damals, nachdem ich an der Universität Ljubljana die Slowenische Sprache und Literatur und Vergleichende Literaturgeschichte studiert hatte und dann als Lektor für die Slowenische Sprache in Regensburg und München tätig war, vor allem Essays und Rezensionen über die deutsche Literatur geschrieben und nur sporadisch einige Autoren für Zeitungen und Literaturzeitschriften übersetzt. Weiterlesen