Sarah Neelsen: Elfriede Jelineks Essays. Gattung. Bezüge. Singularität.

Disseration

Abstract

In dieser Dissertation wird das Werk der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek (Literaturnobelpreis 2004) von ihren Rändern her besprochen, ausgehend von den „kleinen Texten“, die sie seit 1967 neben ihren Stücken und Romanen verfasst hat. Als Gelegenheitstexte gründen sie auf einem eigenen ästhetischen Paradigma, das in der Dissertation in Hinsicht auf ihre besonderen ursprünglichen Veröffentlichungsbedingungen untersucht wird. Es handelt sich dabei mehrheitlich um Auftragswerke, die an andere Medien als das Buch gebunden sind (Zeitschriften, Flyers, Programmhefte, Internet), die auf Grund ihrer Zerstreuung im öffentlichen Raum und rapiden Vergänglichkeit eine andere Rezeption implizieren. Die Texte werden auf dem Hintergrund der wichtigen Zäsuren Jelineks Werk im Allgemeinen sowie der österreichischen Literatur nach 1945 zunächst im Überblick präsentiert, indem das persönliche und berufliche Netzwerk der Autorin, sowie ihre Stellung innerhalb ihrer Generation rekonstruiert werden.
Drei Kapitel sind detaillierten Textanalysen gewidmet: zum einen wird gezeigt, wie sich allmählich eine Kernfrage herauskristallisiert hat, nämlich die Möglichkeit der weiblichen Kreativität; zum anderen werden drei grundlegende stilistische Merkmale beschrieben, die sich als Einkreisen, Paradoxon und Verflüssigung bezeichnen lassen; letztens geht es um die Interaktion zwischen Text und Leser, die sich vornehmlich durch Störung und Interferenz vollzieht und eine zeitlang dem Sinnverfall entgegengewirkt.
Zentrale Begriffe der Dissertation sind „Bezüge“ und „Singularität“, die sowohl das ästhetische wie politische Anliegen der jelinekschen Essayistik auf den Punkt bringen, und darüber hinaus auch für einen Teil des Genre im Allgemeinen typisch sind, wie die abschließende vergleichende Untersuchung mit einigen der wichtigsten historischen wie zeitgenössischen Beiträgen zur Essaytheorie belegt (Lukács, Adorno, Roland Barthes, Marielle Macé, Wolfgang Müller-Funk, Georg Stanitzek).

2.12.2013

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Jan-Peter Grönhoff: Zwischen Lärm und Stille. Ästhetiken der „New Economy“ in Theorie und Literatur

Seminararbeit

In dieser Arbeit geht es um die unauflösliche Beziehung, die vermeintliche ökonomische „Wahrheiten“ zu ihrer eigenen Erzählbarkeit unterhalten.
Wirtschaftliche Zusammenhänge, wie der, um den es hier gehen soll ‒ die Zeit der Transformation traditioneller Arbeitswelten in das, was man mit Sennett „flexiblen Kapitalismus“ oder auch New Economy nennen kann ‒, sind nicht der Zugriffsbereich sich wertfrei und neutral gebärender Wirtschaftswissenschaften, sondern vielmehr Produkte diskursiver Praktiken. Diese weisen eine auffallende Nähe zum Bereich der Narration und des Fiktiven, also dem der Literatur, auf.
Es soll nun darum gehen, der Herstellung ökonomischer „Realitäten“ gewissermaßen bei der Arbeit zuzusehen. Dazu werden sowohl theoretische Texte, wie die Studie Das Gespenst des Kapitals des Berliner Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, oder eine Vorlesung Kathrin Rögglas zum Thema Weltmarktfiktion, als auch literarische Beispiele wie Rainer Merkels Start -Up -Portrait Das Jahr der Wunder, Elfriede Jelineks Die Kontrakte des Kaufmanns, sowie Kathrin Rögglas wir schlafen nicht herangezogen.

21.11.2013

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Gloria Höckner: Theater als Verweigerung. Queere Perspektiven in Elfriede Jelineks Theatertext „Über Tiere“

Diplomarbeit

Der theatrale Apparat kann einerseits als Ort der Repräsentation von gesellschaftspolitischen Machtverhältnissen oder als (Re-)Produktionsstätte kultureller Identität aufgefasst werden, andererseits kann das Theater aber auch ein Ort sein, an dem Kritik an diesen stattfindet. Die dieser Arbeit zugrunde liegende Frage ist, welche politischen Dimensionen der theatrale Raum haben, und inwiefern er das Selbstverständnis in den Begriffen des herrschenden Diskurses stören und in Frage stellen kann. Elfriede Jelineks Theatertexte können als ein solcher kritischer Störfaktor, als Gegendiskurs fungieren und das Theater als Ort der Sichtbarmachung nutzen.
Anhand des 2005 entstandenen Theatertextes Über Tiere soll aufgezeigt werden, wie Jelineks ästhetische Strategien eine Dekonstruktion des Einheitssubjekts und die Entmystifizierung von Weiblichkeit und Sexualität leisten. Die im Text verwendeten Fragmente von polizeilichen Abhörprotokollen eines illegalen Frauenhandels-Rings werden als Dokumente einer männlichen Sprache der Begierde einem weiblichen Begehren gegenübergestellt, welches sich in dem Versuch, sein Begehren zu realisieren, aufgeben muss. Am Ende des Stückes wird eine Analogie von Frau sein und „pathologische“ Weiblichkeit hergestellt, indem der reale Fall von Anneliese Michel eingeflochten wird, die 1976 an Unterernährung starb und vor ihrem Tod exorzistischen Methoden unterzogen wurde. Das Stück inszeniert u. a durch das Einbeziehen von „alltagssprachlichen“ Zitaten jene verletzenden Geschlechterdiskurse, die an der Konstitution dichotomer Geschlechteridentitäten beteiligt sind. Wie diese Arbeit zeigen soll, wird der Identifikationsprozess mit den in dem Stück dargestellten Geschlechteridentitäten jedoch unterbunden, da einerseits das Konzept einer einheitlichen Identität durch Jelineks ästhetische Verfahren zertrümmert, und das Identifikationspotential, das die binären Geschlechter-Matrix (vgl. Butler) bereithält andererseits als nicht mehr lebbar und krankmachend aufgezeigt wird. Jelineks radikaler Pessimismus gegenüber dichotomer Geschlechteridentitäten kann als queerer Gegendiskurs aufgefasst werden, da sie das von der heteronormativen, männlichen Definitionsmacht unterdrückte und unsichtbare Skript hervorschreibt. Judith Butlers Theorie der Performativität von Geschlecht sowie die queer-theoretisch Kritik an Identitätspolitiken sollen als theoretischer Überbau dienen, um zu analysieren, inwiefern Elfriede Jelineks Theatertext Über Tiere als subversive Praxis und als queere Strategie der Verweigerung heteronormativer Identitätszuschreibungen verstanden werden kann. Weiters soll untersucht werden, wie das Jelineksche Theater als Ort fungiert, an dem Sprache in ihrer sowohl wirklichkeits-abbildenden als auch realitätsstiftenden Dimension statt hat.

31.10.2013

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Kuaige Qi: Dekonstruktion des Mythos. Forschung zu Elfriede Jelineks literarischen Intentionen

Disseration

Abstract

Elfriede Jelinek ist mittlerweile zu einer der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen geworden. Trotz der ausgewiesenen Leistung liegen, abgesehen von einzelnen Aufsätzen zu ihren einzelnen Texten, in der chinesischen literaturwissenschaftlichen Fachwelt bislang zu Jelinek und ihrem Werk keine umfassenden Untersuchungen vor. So hat die Diessertation auf dem Nullpunkt der Jelinek’schen Forschung in China eingesetzt. Ausgehend von der poetischen Tradition und dem kulturellen Ursprung hat die Arbeit die Entwickung ihrer literarischen Intention ergründet und die Hauptthemen und kulturellen Inhalte ihres Schreibens erforscht und dargelegt.
Die Abeit ist in drei Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel wird zunächst die Schriftstellerin vorgestellt: Das medienwirksame Phänomen Jelinek wird hinterfragt, ihre ästhetischen Ansichten werden im Kontext der Moderne untersucht, und Jelinek wird als eine politische Autorin mit feministischen Gedanken ausgewiesen, deren Anliegen eine Ideologiekritik im marxistischen Sinn ist. Abschließend biete ich einen Überblick über die Rezeption von Jelinek sowohl in der chinesischen Fachwelt als auch in der allgemeinen chinesischen Leserschaft.
Im zweiten Kapitel stehen die literarische und kulturelle Tradition und die Jelinek’sche Rezeption der Mythos-Theorie von Roland Barthes im Mittelpunkt. Es wird ihren im österreichischen Kulturraum verhafteten literarischen Wurzeln nachgegangen. Dabei wird herausgestellt, dass sie die Betonung, Reflexion und Kritik der Sprache auf der österreichischen Literaturtradition aufbaut. Dies führt dazu, dass ihr Schreiben und ihre künstlerische Entwickung ganz im Zeichen eines Misstrauens gegen jene vorgefertigte Sprache stehen. Die Rekurrenz auf das ideologiekritsiche Werk Mythen des Alltags von Roland Barthes ist signifikant für Jelineks Demythologisierungsarbeit, die sie mit ihren Texten betreibt. Diese Arbeitsweise fußt auf den Demythologisierungsgedanken von Barthes, von dem sie wichtige Impulse erhalten hat.
Der dritte Kapitel ist der konkreten Analyse von Die Liebhaberinnen, Die Ausgesperrten und Die Klavierspielerin – gewidmet. Darin wird untersucht, wie die Schriftstellerin die vorgefertigten Mythen dekonstruiert und welche tiefen kulturellen Inhalte die Texte beinhalten. Die Autorin zerreißt den Schleier der Mythen und präsentiert sie als politisch-ideologische Konstruktion, hinter denen Macht, Gewalt und Gewinnsucht stecken. Sie versucht unablässig, Liebe, Familie, Frau, Musik, Sex usw. als Mythen der bürglichen Ideologie aufzudecken.
Jelinek vermittelt ein dunkles Bild gesellschaftlichen Lebens, aber sie ist keine Pessimistin, denn das Ziel ihrer Demythologisierungsarbeit steht im Dienste der Aufklärung, damit sich die Leser von „der Absurdität und zwingenden Macht der sozialen Klischees“ befreien und die Autonomie und freie Entfaltung gewinnen können. Mit dem Ziel dieser Bewusstmachung lagert sie in ihren Texten zur Bekämpfung und Dekonstruktion der Mythen „die natürlichen Stimmen und Gegenstimmen“, die die mythenbildenden Diskurse unserer Medien, von der Reklame bis zur Philosophie, simulieren.

29.10.2013

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Gerlinde Steininger: Die Rezeption der Literaturnobelpreisvergabe an Elfriede Jelinek 2004 in Deutschland

Proseminararbeit

Die Bekanntgabe der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Elfriede Jelinek am 7. Oktober 2004 führte weltweit zu heftigen positiven wie negativen Reaktionen. Die Polarisierungen, die die Schriftstellerin und ihr Werk bereits seit mehreren Jahrzehnten auslösen, kulminierten, wie Pia Janke in Literaturnobelpreis Elfriede Jelinek (2005) festhält, in einem medialen Hype.
Diese Arbeit untersucht als Beispiel dafür die Rezeption in Deutschland. Untersucht werden 46 Artikel aus regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, die in den ersten Tagen nach der Bekanntgabe der Verleihung veröffentlicht worden sind. Geklärt werden soll, ob die Polarisierungen thematisiert beziehungsweise von den LiteraturkritikerInnen selbst (re-)produziert werden, ob und auf welche Art und Weise ihr Werk zur Debatte steht und welche Äußerungen sich zu Jelineks spezifischem Schreibverfahren und ihrer kritischen Spracharbeit finden. Zudem wird herausgearbeitet, welche zentrale Rolle der Kontext Österreich in der deutschen Rezeption einnimmt. Abschließend werden – um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen – Jelineks Reaktionen auf die negativen Kritiken sowie ihre Erklärungen für die zum Teil problematisch verlaufende Rezeption in Deutschland präsentiert.

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7.10.2013

Eva Przybyla: Das Leben erzählen, wie es wirklich ist. Jelinek reflektiert das Erzählen von Figuren und Wirklichkeit in der Romanverfilmung „La Pianiste“ und in ihrem eigenen Schreiben in einem Essay über Michael Haneke.

Bachelorarbeit

Gerade im Bereich der Soziologie wird Individualität vielfach diskutiert. ForscherInnen nehmen dabei Bezug auf die Arbeiten von Pierre Bourdieu, der schon in den 80ern Kapitalisierungsverhältnisse auf soziale Ressourcen ausweitete. Die Subjektivierungsprozesse verändern das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Umwelt und Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Spielern werden in den Hintergrund gedrängt. Elfriede Jelinek sperrt sich gegen diesen Trend und konstruiert Individualität aus der sozialen und ökonomischen Schnittmenge, in der sie eine Figur lokalisiert. Dieser poetologische Ansatz kristallisiert sich in ihrem Essay „Im Lauf der Zeit. Ein Vorwort.“ heraus, der am 4.9.2001 auf ihrer Homepage erstmalig erschienen ist. Aus der Betrachtung von filmischer, subjektivierender und handlungsorientierter Erzählweise arbeitet Elfriede Jelinek die Möglichkeiten einer objektivierenden literarischen Erzählweise heraus. Somit löst sie das Paradox auf, das Figuren „einzigartig [sind], indem sie sind wie alle.“ 1)
Die Bachelorarbeit widmet sich der Frage, wie die Autorin des Romans „Die Klavierspielerin“ in ihrem Essay die Figurenkonstruktion und das Erzählen von Leben in der Verfilmung von Michael Haneke reflektiert und welche Einblicke sie darüber in ihre eigene Poetik gibt. Beantwortet wird diese Frage methodisch sowohl gattungstheoretisch in der Analyse der Textform des intermedialen Essays nach Christoph Ernst, hermeneutisch mittels der Selbstaussagen der Autorin und Michael Hanekes in Interviews als auch eine narratologisch, angelehnt an die Jutta Schlichs Untersuchung des Roman „Lust“. Zu den Schwierigkeiten des Erzählens der Wirklichkeit und des Lebens ziehe ich den biografietheoretischen Ansatz von Pierre Bourdieu in seinem Aufsatz die „biografische Illusion“ heran und verdeutliche damit Jelineks soziologische Perspektive auf Individualität. Die Biografie-Theorie kann im Hinblick auf Jelineks Werke Aufschlüsse über die Schwierigkeiten ihres Erzählens geben, das den hohen Anspruch hat, Realität zu erzählen. Die Betrachtung ihrer Figurenkonstruktion ermöglicht Vergleiche mit den Werken von anderen AutorInnen und könnte die Einzigartigkeit ihres Schreibens literaturhistorisch kontextualisieren.

1) Jelinek, Elfriede: Im Lauf der Zeit. Ein Vorwort. Erschienen auf elfriedejelinek.com. Abgerufen am 19.9.2013.

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30.9.2013

Manfred Wadsack: Schmerz ist ihr Hobby. Darstellungen von Sexualität und Gewalt in Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“

Seminararbeit

Gerade im Sexualitätsdiskurs präsentieren sich Asymmetrien zwischen den Geschlechterkonstruktionen in einer ausnehmend klaren Form. Hier setzt Jelinek mittels ihrer mythendekonstruierenden Verfahren an, die scheinbar natürliche Diskurspraktiken und Handlungsweisen grotesk verzerren, um ihren ursprünglich keineswegs natürlichen Gehalt zu decouvrieren und denunzieren. In vorliegender Arbeit werden die ausschließlich destruktiv und krankhaft-pervers inszenierten Darstellungen von Sexualität im Kontext des Romans Die Klavierspielerin funktional entschlüsselt und bewertet, womit gleichzeitig mögliche Vorwürfe hohler Provokation argumentativ zu entkräften sind. In auffälliger Weise bedient sich der Text psychoanalytisch gefärbter Motive, die im Rückgriff auf die Sexologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als mögliche Mythisierung, als männliche Konstruktion und Pathologisierung des weiblichen Geschlechts zur Diskussion gestellt werden. In ihrem Voyeurismus, Sadismus und Masochismus ist die Protagonistin Erika Kohut bestrebt, sich eine männliche Position anzueignen. Die ihren fehlgeleiteten Handlungen implizite Vorannahme ist, dass im Patriarchat nur das männliche Wesen überhaupt Subjekt-Status erlangen kann. Die Tragik all ihrer Befreiungsversuchs liegt darin, dass – so die These des Romans – das als Frau determinierte Wesen diese männliche Position weder erringen kann, noch die reine Umkehr der Verhältnisse, die letztlich nur eine männliche Projektion der Frau und damit einen Mythos darstellt, zu einer positiven Neubestimmung des Weiblichen führt. Die sexologisch-feministische Perspektive wird ergänzt durch einen soziologischen Zugang, stehen doch beide Lesarten für zwei gleichermaßen relevante Sichtweisen in Hinblick auf das selbe Ziel, nämlich die Mikro- und die Makroperspektive auf Erika Kohut, deren Problemlage sowohl in der Auswirkung fataler zwischenmenschlicher Verkettungen als auch in der Darstellung der Einwirkung gesellschaftlicher Kräfte an Plausibilität gewinnt. Letztere manifestieren sich in der Sphäre des Kleinbürgertums, einer im Text auf Wunschverdrängung und Befriedigungsaufschub basierenden Zwischenschicht, für die auch die klassische Musik lediglich ein Konzept bürgerlicher Aufstiegsideologie darstellt, was Erika Kohuts Eskapismus in den idealisierten locus amoenus einer bereits verdinglichten und verkommerzialisierten Kunst zuwiderläuft. Mit sprachlich chirurgischer Präzision werden in Die Klavierspielerin triviale Vorstellungen von Pornographie, selbstloser Mutterliebe, achtbarem Bürgertum, Masochismus, klassischer Musik oder weiblicher Sexualität zerlegt und in ihrer Naivität bloßgestellt. Dabei ist es dem Text nicht daran gelegen, einen erschütternden Einzelfall nachzeichnen. Es werden im Gegenteil typenhafte, karikierte Charaktere entworfen, die sich unter anderem psychoanalytische Klischees aneignen und in überzeichneter Form reproduzieren, um den enthistorisierten und entpolitisierten Mythen ihre Natürlichkeit zu nehmen und damit ihre Geschichte zurückzugeben, um sie solcherart zu dekonstruieren.

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18.9.2013

Helen Ackel: Sprechen ohne Sein. Elfriede Jelineks Heidegger-Kritik in „Über Tiere“

Universitäre Arbeit

Zur Überraschung und vielfach auch zum Ärgernis der literarischen Öffentlichkeit, wurde Elfriede Jelinek im Jahre 2004 der Literaturnobelpreis verliehen. Jelinek erhielt die Auszeichnung für „[…] den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen.“ 1) Während Jelinek von dieser Seite außerordentliche schriftstellerische Fähigkeiten bescheinigt und ihre Texte als politisch brisant eingestuft wurden, gibt es viele Stimmen, die diese Einschätzung nicht teilen. Die polarisierende Wirkung von Jelineks Werk zeigte sich bereits an den Diskussionen innerhalb des Gremiums: Aus Protest gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek zog der emeritierte Literaturhistoriker Knut Ahnlund sich im Oktober 2005 nach 22-jähriger Tätigkeit als Juror aus der Schwedischen Akademie zurück. Zur Begründung schrieb er: „[…] der Nobelpreis 2004 für Elfriede Jelinek [hat] den Wert dieser Auszeichnung auf absehbare Zeit zerstört. Denn hierbei handelt es sich um ein monomanisches, äußerst schmal angelegtes Werk, um eine Textmasse, die ohne einen Ansatz zu künstlerischer Struktur aufgehäuft wurde […] Die Romane oder die Dramen […] von Elfriede Jelinek bestehen aus einem Redefluss, in dem sich willkürlich zustande gekommene Einfälle über zehn oder hundert Seiten erstrecken können, ohne dass etwas damit gesagt wäre […] Erniedrigung, Demütigung, Schändung und Selbstekel, Sadismus und Masochismus sind die Hauptthemen im Werk von Elfriede Jelinek. Alle anderen Aspekte des menschlichen Lebens werden ausgeschlossen. Deswegen ist ihr Werk so dürftig […] Jelinek huldigt dem Krieg der Geschlechter, mitsamt seinem Zug zur aggressiven Einfalt […].“ 2) Knut Ahnlunds Schwierigkeiten mit Jelineks Texten sind symptomatisch für die Jelinek-Rezeption; Jelinek erklärt sich dies dadurch, dass sie „eine Autorin [sei], die zwar Preise und Auszeichnungen bekommt, im Grunde aber nicht adäquat rezipiert“ 3) sei, was dieser das Gefühl gibt, man wolle „einfach nicht, dass Frauen sprechen“ 4). Als Ursache hierfür sieht sie, dass sie sich „als Autorin in einer Weise ein Sprechen anmaße, das für Frauen eben nicht vorgesehen“ sei, weil Schreiben für Frauen immer noch eine „ständige Überschreitung“ 5) sei. Mit der „nicht adäquaten“ Rezeption dürfte Jelinek hauptsächlich die wissenschaftliche Rezeption ihrer Werke meinen, denn ihre Aufführungen sind regelmäßig auf den deutschsprachigen Bühnen vertreten. Dass Jelinek in wissenschaftlichen Kreisen wenig rezipiert wird, kann mit der speziellen Form der aktuellen Texte Jelineks erklärt werden, die durch ihr Etikett als „polyphone Textflächen“ 6), die einer „hypertrophen Intertextualität“ 7) zugrunde liegen, welche eine „Interkryptualität“ 8) erzeugen, abschreckend auf den Rezipienten wirken können. Vermutlich liegt die Ursache nicht ausschließlich in einer Abneigung gegen das, was Jelinek als „weibliches Sprechen“ bezeichnet, sondern ist durch den Umstand zu erklären, dass Jelinek mit ihren postdramatischen Theaterstücken aktuell die Avantgarde im Theaterbetrieb repräsentiert.
Die Texte, die vom Postdramatischen Theater beeinflusst sind, zeugen von einer neuartigen Kunstauffassung, die in Form und Inhalt nicht mehr den traditionellen Ansprüchen an Theatertexte entsprechen. Weil diese Texte vom performativen Gegenwartstheater beeinflusst sind, fällt es gerade Literaturwissenschaftlern 9) schwer, Jelineks Stücke adäquat zu analysieren, denn die neue Ästhetik erfordert eine veränderte Analyse, die mit dem herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Instrumentarium nicht geleistet werden kann. Dies gilt auch für Jelineks Theaterstück Über Tiere, das ebenfalls als ‚Textfläche‘ gestaltet ist. Notwendigerweise erfordert die spezifische Struktur eines Gegenstandes ein Analysewerkzeug, das seiner Struktur entspricht; aufgrund der besonderen Struktur Postdramatischer Theaterstücke, wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit ein Analysewerkzeug entwickelt werden, dessen Angemessenheit erst deutlich wird, wenn der spezifische Unterschied der postdramatischen Dramenform zu dem Theater der geschlossenen und offenen Form herausgearbeitet ist. Dies soll im ersten Kapitel dieser Arbeit geschehen. Hinzu kommt, dass Jelinek komplexe Theorien auf inhaltlicher und formaler Ebene in den Text eingestaltet, ohne deren Kenntnis der Text nicht adäquat nachvollzogen werden kann. Jelinek verschränkt diese Theorien zusätzlich auf eine Weise, dass diese sich entweder gegenseitig verstärken oder dekonstruieren. Eine Darstellung der wichtigsten Theorien und Begriffe die Jelinek aufgreift, die bislang noch nie in die Analyse von Über Tiere mit einbezogen wurden, wird deshalb in die Analyse des Stückes integriert. Um die formale Verknüpfung dieser Theorien und ihrer Wirkungsweise auf den Rezipienten zu beschreiben, wurde im Rahmen dieser Arbeit der Begriff der ‚performativen Dekonstruktion‘ entwickelt. In der Analyse soll schließlich deutlich werden, weshalb Jelinek innerhalb des Postdramatischen Theaters zu verorten ist und was das Besondere dieser Ästhetik ist, die sich durch das Paradox eines ‚Sprechen(s) ohne Sein‘ auszeichnet; gleichzeitig soll deutlich werden, dass dieses Paradox zugleich Jelineks Position innerhalb des Feminismus charakterisiert, die sich dadurch auszeichnet, dass sie im Grunde eine Position jenseits des Geschlechterdiskurses ist.

1) http://www.nobelpreis.org/Literatur/jelinek.htm
2) http://www.dieterwunderlich.de/Elfriede_Jelinek.htm. [Hervorhebung von Verfasser].
3) Elfriede Jelinek: Schreiben als ständige Überschreitung. Wiener Zeitung online, 1.8.2000.
4) Elfriede Jelinek: Schreiben als ständige Überschreitung. Wiener Zeitung online, 1.8.2000.
5) Ebd.
6) Bernd C. Sucher: Die Textflächenfrau. Süddeutsche Zeitung, 07.10.2004.
7) Rainer Just: Zeichenleichen – Reflexionen über das Untote im Werk Elfriede Jelineks, 2007.
8) Ebd. Der Begriff der `Interkryptualität` von Rainer Just wird in dieser Analyse nicht verwendet werden.
9) Theaterwissenschaftler dagegen rezipieren Jelinek meist positiv, interpretieren dann aber vor allem die Inszenierungen.

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17.9.2013

Stephanie Karmel: Opfer „In den Alpen“ Kapruns. Eine intertextuelle Analyse von Elfriede Jelineks „In den Alpen“

Bachelorarbeit

„Jeder Tag wird zum absoluten Erlebnis. Bis auf 3.029 m Höhe erstreckt sich das Gletscherskigebiet Kitzsteinhorn. Dies bietet Ihnen ganzjährig Schneegarantie“ 1) , wird groß auf der offiziellen Homepage der Gemeinde Kaprun verkündet. Das als „schlimmsten Katastrophe der österreichischen Nachkriegsgeschichte“ 2)  bezeichnetem Brandunglück am 11. November 2000, bei dem 155 Menschen im Tunnel der Kapruner Gletscherbahn auf dem Weg zum Gipfel verbrannten, wird in keinem Wort erwähnt. Anders natürlich zur Zeit der Katastrophe. Medial groß ausgeleuchtet, war dieses wochenlange Thema Nummer eins in den österreichischen Nachrichten, allen voran in News, das als österreichische Hochglanz-Wochenzeitschrift von Sensationen, Rankings und Seitenblick-Berichterstattung lebt  3). Der groß aufgezogenen Boulevard-Berichterstattung dieser Zeitschrift widmet sich Jelinek in ihrem Theatertext In den Alpen. Sie paart das Seilbahnunglück jedoch mit einem weiteren Ereignis in Kaprun, das bereits unter der Zeit des Nationalsozialismus offiziell 161 Opfer forderte. Bereits in den 1920er Jahren geplant, entstand bis in die Mitte der 50er das Speicherkraftwerk Kaprun. Der Spatenstich dieses Kraftwerkbaus erfolgte nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938. Der Bau wurde während des Krieges unter gefährlichsten Bedingungen, trotz Lawinenabgängen und Materialmängeln, fortgesetzt. Zu dieser Zeit wurden Zwangsarbeiter für den Kraftwerksbau eingesetzt, die vorwiegend Kriegsgefangene aus Russland, der Ukraine und Fremdarbeiter aus verbündeten und besetzten Ländern waren. 4) Nach Beendigung des Krieges konnte der Bau des Kraftwerks mithilfe des Marshall-Plans weiterfinanziert werden, Arbeit fanden hier nun all jene, die sonst keine Arbeit fanden, wie zum Beispiel ehemalige Nazis, Flüchtlinge, Ausgebombte und aus Konzentrationslagern befreite Sozialdemokraten und Kommunisten. 5)  In den 50ern konnte das Kraftwerk fertiggestellt werden, die Eröffnung des Kraftwerkes fand 1955, im Jahr des Österreichischen Staatsvertrags, statt. Als Symbol für den österreichischen Wiederaufbau und als technisches Wunderwerk gefeiert, zieht das Kraftwerk bis heute jährlich etliche Besucher an, von den 161 Opfern, welche der Bau forderte, ist jedoch niemals die Rede. Elfriede Jelinek greift in In den Alpen genau die Diskrepanz zwischen wochenlanger Berichterstattung über das Seilbahnunglück in Kaprun und dem Verdrängen der Opfer des Nationalsozialismus auf. Sie hat sich in den Vorarbeiten für In den Alpen intensiv mit verschiedenen Quellen auseinandergesetzt und erzeugte, wie stets in ihren Theatertexten, ein intertextuelles Sprachgeflecht. In diesem Fall sind die beiden wichtigsten Intertexte die trivial aufbereitete Berichterstattung des Magazins News, und Paul Celans hoch poetischer Text Gespräch im Gebirg. Durch die Kombination dieser so unterschiedlichen Intertexte entsteht sprachlich ein ganz eigener Duktus.Genau diese beiden sprachlichen Stränge, einerseits die sensationslustige Mediensprache von News, andererseits die sehr reflektierte, lyrischen Sprache Celans, werden in dieser Arbeit intertextuell analysiert. Anhand dieser Analyse soll deutlich gemacht werden, wie sich Jelineks Anspruch an den Umgang mit den Opfern Kapruns und des Nationalsozialismus manifestiert, wie sie diesen in ihren Texten deutlich macht. Die zu beantwortenden Fragen lauten: Welchen Anspruch stellt Jelinek an den Umgang mit den Opfern? Woran übt sie in diesem Zusammenhang Kritik? Durch welches intertextuell verwendete (Sprach-)Material verdeutlicht sie ihre Forderungen auf einer sprachlichen Ebene? Wie werden diese Intertexte verwendet, eingearbeitet, adaptiert, deformiert?

1) http://www.kaprun.at/sportfreizeit/winter.html, 26.06.2013.
2) http://www.zeit.de/2009/33/A-Kaprun/seite-1, 26.06.2013.
3) Janke, Pia: Der Mythos Kaprun in In den Alpen und Das Werk. In: Lartillot, Françoise und Dieter Hornig (Hg.): Jelinek, une répétition? Zu den Theaterstücken In den Alpen und Das Werk. Bern: Peter Lang 2009, S. 131.
4) Ebd. S. 130.
5) Ebd.

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16.9.2013

Sabrina Weinzettl: Elfriede Jelineks Dramenästhetik am Beispiel des Theatertextes „Über Tiere“

Bachelorarbeit

Elfriede Jelinek zählt wohl zu den am stärksten polarisierenden AutorInnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Gerade ihr dramatisches Werk und die Frage danach, ob dieses nun als dramatisch zu werten wäre oder nicht, sorgte bisher für reichlich Zündstoff im wissenschaftlichen Diskurs. Klar ist, Elfriede Jelineks Theatertexte distanzieren sich in ihrer formalen Gestaltung von gattungsüblichen Normen – die Auseinandersetzung mit dem Genre selbst, ist ihnen aber gerade durch diese Abgrenzung eingeschrieben. Ihre grundlegenden theaterprogrammatischen Überlegungen deklariert die Autorin in ihren zahlreichen Essays, welche von Beginn an ihr dramatisches Schaffen begleiten. Einen zentralen Aspekt ihrer Poetik bildet die enge Verbundenheit zur Spracharbeit oder wie die Autorin dies selbst zum Ausdruck bringt: „Ich habe nur ein einziges Verhältnis, das zur Sprache.“ (Die Leere öffnen, 2006) Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Theatertext Über Tiere, einem jüngeren Stück der Autorin, welchem bisher innerhalb der literaturwissenschaftlichen Forschung nur selten Beachtung geschenkt worden ist, auseinander. Bei dem Stück handelt es sich um eine „Textfläche“, ein rein auf die Sprache und „das Sprechen“ konzentriertes Konzept, das Jelinek selbst für ihre Theatertexte entwickelt hat. Diese Textflächen montiert Jelinek mit nahezu kompositorischer Sorgfalt aus diskursiven Material, Zitaten und eigenem Schreiben. Ausgehend von Elfriede Jelineks Dramenästhetik, die zu Beginn aus Sicht der bisherigen Forschung sowie anschließend anhand von theaterprogrammatischen Essays der Autorin beleuchtet wird, wird in der Arbeit eine Analyse des Stückes Über Tiere, mit Fokus auf die kompositorischen Textverfahren Jelineks, versucht. Ziel der Arbeit ist es, basierend auf der Untersuchung von der im Stück angewandten Spracharbeit sowie einer Analyse der Struktur des Theatertextes, die rein durch die sprachliche Ebene transportiert wird, aufzuzeigen, weshalb Über Tiere als Text für das Theater zu sehen ist.

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13.9.2013