Manfred Wadsack: Schmerz ist ihr Hobby. Darstellungen von Sexualität und Gewalt in Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“

Seminararbeit

Gerade im Sexualitätsdiskurs präsentieren sich Asymmetrien zwischen den Geschlechterkonstruktionen in einer ausnehmend klaren Form. Hier setzt Jelinek mittels ihrer mythendekonstruierenden Verfahren an, die scheinbar natürliche Diskurspraktiken und Handlungsweisen grotesk verzerren, um ihren ursprünglich keineswegs natürlichen Gehalt zu decouvrieren und denunzieren. In vorliegender Arbeit werden die ausschließlich destruktiv und krankhaft-pervers inszenierten Darstellungen von Sexualität im Kontext des Romans Die Klavierspielerin funktional entschlüsselt und bewertet, womit gleichzeitig mögliche Vorwürfe hohler Provokation argumentativ zu entkräften sind. In auffälliger Weise bedient sich der Text psychoanalytisch gefärbter Motive, die im Rückgriff auf die Sexologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als mögliche Mythisierung, als männliche Konstruktion und Pathologisierung des weiblichen Geschlechts zur Diskussion gestellt werden. In ihrem Voyeurismus, Sadismus und Masochismus ist die Protagonistin Erika Kohut bestrebt, sich eine männliche Position anzueignen. Die ihren fehlgeleiteten Handlungen implizite Vorannahme ist, dass im Patriarchat nur das männliche Wesen überhaupt Subjekt-Status erlangen kann. Die Tragik all ihrer Befreiungsversuchs liegt darin, dass – so die These des Romans – das als Frau determinierte Wesen diese männliche Position weder erringen kann, noch die reine Umkehr der Verhältnisse, die letztlich nur eine männliche Projektion der Frau und damit einen Mythos darstellt, zu einer positiven Neubestimmung des Weiblichen führt. Die sexologisch-feministische Perspektive wird ergänzt durch einen soziologischen Zugang, stehen doch beide Lesarten für zwei gleichermaßen relevante Sichtweisen in Hinblick auf das selbe Ziel, nämlich die Mikro- und die Makroperspektive auf Erika Kohut, deren Problemlage sowohl in der Auswirkung fataler zwischenmenschlicher Verkettungen als auch in der Darstellung der Einwirkung gesellschaftlicher Kräfte an Plausibilität gewinnt. Letztere manifestieren sich in der Sphäre des Kleinbürgertums, einer im Text auf Wunschverdrängung und Befriedigungsaufschub basierenden Zwischenschicht, für die auch die klassische Musik lediglich ein Konzept bürgerlicher Aufstiegsideologie darstellt, was Erika Kohuts Eskapismus in den idealisierten locus amoenus einer bereits verdinglichten und verkommerzialisierten Kunst zuwiderläuft. Mit sprachlich chirurgischer Präzision werden in Die Klavierspielerin triviale Vorstellungen von Pornographie, selbstloser Mutterliebe, achtbarem Bürgertum, Masochismus, klassischer Musik oder weiblicher Sexualität zerlegt und in ihrer Naivität bloßgestellt. Dabei ist es dem Text nicht daran gelegen, einen erschütternden Einzelfall nachzeichnen. Es werden im Gegenteil typenhafte, karikierte Charaktere entworfen, die sich unter anderem psychoanalytische Klischees aneignen und in überzeichneter Form reproduzieren, um den enthistorisierten und entpolitisierten Mythen ihre Natürlichkeit zu nehmen und damit ihre Geschichte zurückzugeben, um sie solcherart zu dekonstruieren.

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18.9.2013

Helen Ackel: Sprechen ohne Sein. Elfriede Jelineks Heidegger-Kritik in „Über Tiere“

Universitäre Arbeit

Zur Überraschung und vielfach auch zum Ärgernis der literarischen Öffentlichkeit, wurde Elfriede Jelinek im Jahre 2004 der Literaturnobelpreis verliehen. Jelinek erhielt die Auszeichnung für „[…] den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen.“ 1) Während Jelinek von dieser Seite außerordentliche schriftstellerische Fähigkeiten bescheinigt und ihre Texte als politisch brisant eingestuft wurden, gibt es viele Stimmen, die diese Einschätzung nicht teilen. Die polarisierende Wirkung von Jelineks Werk zeigte sich bereits an den Diskussionen innerhalb des Gremiums: Aus Protest gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek zog der emeritierte Literaturhistoriker Knut Ahnlund sich im Oktober 2005 nach 22-jähriger Tätigkeit als Juror aus der Schwedischen Akademie zurück. Zur Begründung schrieb er: „[…] der Nobelpreis 2004 für Elfriede Jelinek [hat] den Wert dieser Auszeichnung auf absehbare Zeit zerstört. Denn hierbei handelt es sich um ein monomanisches, äußerst schmal angelegtes Werk, um eine Textmasse, die ohne einen Ansatz zu künstlerischer Struktur aufgehäuft wurde […] Die Romane oder die Dramen […] von Elfriede Jelinek bestehen aus einem Redefluss, in dem sich willkürlich zustande gekommene Einfälle über zehn oder hundert Seiten erstrecken können, ohne dass etwas damit gesagt wäre […] Erniedrigung, Demütigung, Schändung und Selbstekel, Sadismus und Masochismus sind die Hauptthemen im Werk von Elfriede Jelinek. Alle anderen Aspekte des menschlichen Lebens werden ausgeschlossen. Deswegen ist ihr Werk so dürftig […] Jelinek huldigt dem Krieg der Geschlechter, mitsamt seinem Zug zur aggressiven Einfalt […].“ 2) Knut Ahnlunds Schwierigkeiten mit Jelineks Texten sind symptomatisch für die Jelinek-Rezeption; Jelinek erklärt sich dies dadurch, dass sie „eine Autorin [sei], die zwar Preise und Auszeichnungen bekommt, im Grunde aber nicht adäquat rezipiert“ 3) sei, was dieser das Gefühl gibt, man wolle „einfach nicht, dass Frauen sprechen“ 4). Als Ursache hierfür sieht sie, dass sie sich „als Autorin in einer Weise ein Sprechen anmaße, das für Frauen eben nicht vorgesehen“ sei, weil Schreiben für Frauen immer noch eine „ständige Überschreitung“ 5) sei. Mit der „nicht adäquaten“ Rezeption dürfte Jelinek hauptsächlich die wissenschaftliche Rezeption ihrer Werke meinen, denn ihre Aufführungen sind regelmäßig auf den deutschsprachigen Bühnen vertreten. Dass Jelinek in wissenschaftlichen Kreisen wenig rezipiert wird, kann mit der speziellen Form der aktuellen Texte Jelineks erklärt werden, die durch ihr Etikett als „polyphone Textflächen“ 6), die einer „hypertrophen Intertextualität“ 7) zugrunde liegen, welche eine „Interkryptualität“ 8) erzeugen, abschreckend auf den Rezipienten wirken können. Vermutlich liegt die Ursache nicht ausschließlich in einer Abneigung gegen das, was Jelinek als „weibliches Sprechen“ bezeichnet, sondern ist durch den Umstand zu erklären, dass Jelinek mit ihren postdramatischen Theaterstücken aktuell die Avantgarde im Theaterbetrieb repräsentiert.
Die Texte, die vom Postdramatischen Theater beeinflusst sind, zeugen von einer neuartigen Kunstauffassung, die in Form und Inhalt nicht mehr den traditionellen Ansprüchen an Theatertexte entsprechen. Weil diese Texte vom performativen Gegenwartstheater beeinflusst sind, fällt es gerade Literaturwissenschaftlern 9) schwer, Jelineks Stücke adäquat zu analysieren, denn die neue Ästhetik erfordert eine veränderte Analyse, die mit dem herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Instrumentarium nicht geleistet werden kann. Dies gilt auch für Jelineks Theaterstück Über Tiere, das ebenfalls als ‚Textfläche‘ gestaltet ist. Notwendigerweise erfordert die spezifische Struktur eines Gegenstandes ein Analysewerkzeug, das seiner Struktur entspricht; aufgrund der besonderen Struktur Postdramatischer Theaterstücke, wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit ein Analysewerkzeug entwickelt werden, dessen Angemessenheit erst deutlich wird, wenn der spezifische Unterschied der postdramatischen Dramenform zu dem Theater der geschlossenen und offenen Form herausgearbeitet ist. Dies soll im ersten Kapitel dieser Arbeit geschehen. Hinzu kommt, dass Jelinek komplexe Theorien auf inhaltlicher und formaler Ebene in den Text eingestaltet, ohne deren Kenntnis der Text nicht adäquat nachvollzogen werden kann. Jelinek verschränkt diese Theorien zusätzlich auf eine Weise, dass diese sich entweder gegenseitig verstärken oder dekonstruieren. Eine Darstellung der wichtigsten Theorien und Begriffe die Jelinek aufgreift, die bislang noch nie in die Analyse von Über Tiere mit einbezogen wurden, wird deshalb in die Analyse des Stückes integriert. Um die formale Verknüpfung dieser Theorien und ihrer Wirkungsweise auf den Rezipienten zu beschreiben, wurde im Rahmen dieser Arbeit der Begriff der ‚performativen Dekonstruktion‘ entwickelt. In der Analyse soll schließlich deutlich werden, weshalb Jelinek innerhalb des Postdramatischen Theaters zu verorten ist und was das Besondere dieser Ästhetik ist, die sich durch das Paradox eines ‚Sprechen(s) ohne Sein‘ auszeichnet; gleichzeitig soll deutlich werden, dass dieses Paradox zugleich Jelineks Position innerhalb des Feminismus charakterisiert, die sich dadurch auszeichnet, dass sie im Grunde eine Position jenseits des Geschlechterdiskurses ist.

1) http://www.nobelpreis.org/Literatur/jelinek.htm
2) http://www.dieterwunderlich.de/Elfriede_Jelinek.htm. [Hervorhebung von Verfasser].
3) Elfriede Jelinek: Schreiben als ständige Überschreitung. Wiener Zeitung online, 1.8.2000.
4) Elfriede Jelinek: Schreiben als ständige Überschreitung. Wiener Zeitung online, 1.8.2000.
5) Ebd.
6) Bernd C. Sucher: Die Textflächenfrau. Süddeutsche Zeitung, 07.10.2004.
7) Rainer Just: Zeichenleichen – Reflexionen über das Untote im Werk Elfriede Jelineks, 2007.
8) Ebd. Der Begriff der `Interkryptualität` von Rainer Just wird in dieser Analyse nicht verwendet werden.
9) Theaterwissenschaftler dagegen rezipieren Jelinek meist positiv, interpretieren dann aber vor allem die Inszenierungen.

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17.9.2013

Stephanie Karmel: Opfer „In den Alpen“ Kapruns. Eine intertextuelle Analyse von Elfriede Jelineks „In den Alpen“

Bachelorarbeit

„Jeder Tag wird zum absoluten Erlebnis. Bis auf 3.029 m Höhe erstreckt sich das Gletscherskigebiet Kitzsteinhorn. Dies bietet Ihnen ganzjährig Schneegarantie“ 1) , wird groß auf der offiziellen Homepage der Gemeinde Kaprun verkündet. Das als „schlimmsten Katastrophe der österreichischen Nachkriegsgeschichte“ 2)  bezeichnetem Brandunglück am 11. November 2000, bei dem 155 Menschen im Tunnel der Kapruner Gletscherbahn auf dem Weg zum Gipfel verbrannten, wird in keinem Wort erwähnt. Anders natürlich zur Zeit der Katastrophe. Medial groß ausgeleuchtet, war dieses wochenlange Thema Nummer eins in den österreichischen Nachrichten, allen voran in News, das als österreichische Hochglanz-Wochenzeitschrift von Sensationen, Rankings und Seitenblick-Berichterstattung lebt  3). Der groß aufgezogenen Boulevard-Berichterstattung dieser Zeitschrift widmet sich Jelinek in ihrem Theatertext In den Alpen. Sie paart das Seilbahnunglück jedoch mit einem weiteren Ereignis in Kaprun, das bereits unter der Zeit des Nationalsozialismus offiziell 161 Opfer forderte. Bereits in den 1920er Jahren geplant, entstand bis in die Mitte der 50er das Speicherkraftwerk Kaprun. Der Spatenstich dieses Kraftwerkbaus erfolgte nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938. Der Bau wurde während des Krieges unter gefährlichsten Bedingungen, trotz Lawinenabgängen und Materialmängeln, fortgesetzt. Zu dieser Zeit wurden Zwangsarbeiter für den Kraftwerksbau eingesetzt, die vorwiegend Kriegsgefangene aus Russland, der Ukraine und Fremdarbeiter aus verbündeten und besetzten Ländern waren. 4) Nach Beendigung des Krieges konnte der Bau des Kraftwerks mithilfe des Marshall-Plans weiterfinanziert werden, Arbeit fanden hier nun all jene, die sonst keine Arbeit fanden, wie zum Beispiel ehemalige Nazis, Flüchtlinge, Ausgebombte und aus Konzentrationslagern befreite Sozialdemokraten und Kommunisten. 5)  In den 50ern konnte das Kraftwerk fertiggestellt werden, die Eröffnung des Kraftwerkes fand 1955, im Jahr des Österreichischen Staatsvertrags, statt. Als Symbol für den österreichischen Wiederaufbau und als technisches Wunderwerk gefeiert, zieht das Kraftwerk bis heute jährlich etliche Besucher an, von den 161 Opfern, welche der Bau forderte, ist jedoch niemals die Rede. Elfriede Jelinek greift in In den Alpen genau die Diskrepanz zwischen wochenlanger Berichterstattung über das Seilbahnunglück in Kaprun und dem Verdrängen der Opfer des Nationalsozialismus auf. Sie hat sich in den Vorarbeiten für In den Alpen intensiv mit verschiedenen Quellen auseinandergesetzt und erzeugte, wie stets in ihren Theatertexten, ein intertextuelles Sprachgeflecht. In diesem Fall sind die beiden wichtigsten Intertexte die trivial aufbereitete Berichterstattung des Magazins News, und Paul Celans hoch poetischer Text Gespräch im Gebirg. Durch die Kombination dieser so unterschiedlichen Intertexte entsteht sprachlich ein ganz eigener Duktus.Genau diese beiden sprachlichen Stränge, einerseits die sensationslustige Mediensprache von News, andererseits die sehr reflektierte, lyrischen Sprache Celans, werden in dieser Arbeit intertextuell analysiert. Anhand dieser Analyse soll deutlich gemacht werden, wie sich Jelineks Anspruch an den Umgang mit den Opfern Kapruns und des Nationalsozialismus manifestiert, wie sie diesen in ihren Texten deutlich macht. Die zu beantwortenden Fragen lauten: Welchen Anspruch stellt Jelinek an den Umgang mit den Opfern? Woran übt sie in diesem Zusammenhang Kritik? Durch welches intertextuell verwendete (Sprach-)Material verdeutlicht sie ihre Forderungen auf einer sprachlichen Ebene? Wie werden diese Intertexte verwendet, eingearbeitet, adaptiert, deformiert?

1) http://www.kaprun.at/sportfreizeit/winter.html, 26.06.2013.
2) http://www.zeit.de/2009/33/A-Kaprun/seite-1, 26.06.2013.
3) Janke, Pia: Der Mythos Kaprun in In den Alpen und Das Werk. In: Lartillot, Françoise und Dieter Hornig (Hg.): Jelinek, une répétition? Zu den Theaterstücken In den Alpen und Das Werk. Bern: Peter Lang 2009, S. 131.
4) Ebd. S. 130.
5) Ebd.

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16.9.2013

Sabrina Weinzettl: Elfriede Jelineks Dramenästhetik am Beispiel des Theatertextes „Über Tiere“

Bachelorarbeit

Elfriede Jelinek zählt wohl zu den am stärksten polarisierenden AutorInnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Gerade ihr dramatisches Werk und die Frage danach, ob dieses nun als dramatisch zu werten wäre oder nicht, sorgte bisher für reichlich Zündstoff im wissenschaftlichen Diskurs. Klar ist, Elfriede Jelineks Theatertexte distanzieren sich in ihrer formalen Gestaltung von gattungsüblichen Normen – die Auseinandersetzung mit dem Genre selbst, ist ihnen aber gerade durch diese Abgrenzung eingeschrieben. Ihre grundlegenden theaterprogrammatischen Überlegungen deklariert die Autorin in ihren zahlreichen Essays, welche von Beginn an ihr dramatisches Schaffen begleiten. Einen zentralen Aspekt ihrer Poetik bildet die enge Verbundenheit zur Spracharbeit oder wie die Autorin dies selbst zum Ausdruck bringt: „Ich habe nur ein einziges Verhältnis, das zur Sprache.“ (Die Leere öffnen, 2006) Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Theatertext Über Tiere, einem jüngeren Stück der Autorin, welchem bisher innerhalb der literaturwissenschaftlichen Forschung nur selten Beachtung geschenkt worden ist, auseinander. Bei dem Stück handelt es sich um eine „Textfläche“, ein rein auf die Sprache und „das Sprechen“ konzentriertes Konzept, das Jelinek selbst für ihre Theatertexte entwickelt hat. Diese Textflächen montiert Jelinek mit nahezu kompositorischer Sorgfalt aus diskursiven Material, Zitaten und eigenem Schreiben. Ausgehend von Elfriede Jelineks Dramenästhetik, die zu Beginn aus Sicht der bisherigen Forschung sowie anschließend anhand von theaterprogrammatischen Essays der Autorin beleuchtet wird, wird in der Arbeit eine Analyse des Stückes Über Tiere, mit Fokus auf die kompositorischen Textverfahren Jelineks, versucht. Ziel der Arbeit ist es, basierend auf der Untersuchung von der im Stück angewandten Spracharbeit sowie einer Analyse der Struktur des Theatertextes, die rein durch die sprachliche Ebene transportiert wird, aufzuzeigen, weshalb Über Tiere als Text für das Theater zu sehen ist.

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13.9.2013

Agnieszka Jezierska: „Jelinek auf Polnisch. Übersetzungen und Inszenierungen”

Tagungsbericht

Im Rahmen des kulturell-wissenschaftlichen Projekts Dom Jelinek (Jelineks Haus), das für den Zeitraum 20.-30. April 2013 in Bydgoszcz (Bromberg) geplant war, fand am 23. und 24. April 2013 eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema Jelinek po polsku. Tłumaczenia i inscenizacje (Jelinek auf Polnisch. Übersetzungen und Inszenierungen) statt, an der sich zwölf Jelinek-ForscherInnen und -ÜbersetzerInnen beteiligten.
Das Ziel der Tagung war eine Zusammenfassung der polnischen Jelinek-Rezeption und interdisziplinäre Diskussion über die Präsenz und Aufnahme ihrer Werke in Polen, über die Problematik der Übersetzung ihrer Texte sowie über die Inszenierungen ihrer Stücke auf polnischen Bühnen.
Es war das zweite Jelinek-Symposium in Bydgoszcz (Bromberg), das vorige Ich rede und rede. Elfriede Jelineks theatralische Masken fand 2007 statt. Partner des Projekts waren das Österreichische  Kulturforum Warschau, Teatr Polski Bydgoszcz und Universität Bydgoszcz. Wie 2007 wurde auch diesmal das wissenschaftliche Konzept der Konferenz von Monika Szczepaniak, einer international anerkannten Jelinek-Forscherin, entwickelt.
Anna Majkiewicz, Częstochowa (Tschenstochau), Recepcja prozy Elfriede Jelinek w Polsce (Rezeption von Jelineks Prosa in Polen) zeigte in einer quantitativen Untersuchung Jelineks Prosa im Spiegel der polnischen Presse, wobei sie die Nobelpreisverleihung als eine wichtige Zäsur deutete; als vorläufiges Fazit stellte die Forscherin fest, dass das Interesse an Jelineks Schaffen in Polen allmählich schwindet.
Bożena Chołuj, Warszawa (Warschau)/Frankfurt/Oder, Ciało czy postcielesność – u Jelinek i w jej polskich wersjach (Körper vs. Postkörperlichkeit – in Originaltexten von Elfriede Jelinek und in den Übersetzungen ins Polnische) untersuchte mithilfe der Thesen von Judith Butler die Phänomene „Körper“ und „Postkörperlichkeit“ in Jelineks literarischen (Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft und Die Klavierspielerin) und essayistischen Texten, und beäugte kritisch manche der polnischen Übersetzungen, in denen diese Unterscheidung ausgeblendet werden.
Der Theaterwissenschaftler Artur Duda, Toruń (Thorn), „Babel“ Elfriede Jelinek w inscenizacji Mai Kleczewskiej w kontekście recepcji dramatu austriackiego w Polsce (Elfriede Jelineks „Babel“ in der Inszenierung von Maja Kleczewska im Kontext der Rezeption von österreichischen Dramen in Polen) präsentierte einen Überblick über die österreichischen Dramen, die auf polnischen Bühnen aufgeführt wurden, wobei er die Verdienste von Erwin Axer und Krystian Lupa stark unterstrich und auf die möglichen Hindernisse für den großen Durchbruch der österreichischen „Texte für das Theater“ in Polen hinwies, vor allem auf die traditionelle Schauspielkunst, die an manchen Theatern in Polen immer noch Vorrang hat. In diesem Kontext wurden die Aufführungen von Maja Kleczewska als Fortsetzung eines positiven Trends begrüßt.
Anna Rutka, Lublin, „Zostało nam Wielkie Nic“. Kupieckie kontrakty – Jelinek ekonomiczna na polskiej scenie („Es ist uns ein groβes Nichts geblieben. Die „ökonomische“ Jelinek auf einer polnischen Bühne) schloss sich diesen Überlegungen thematisch an, indem sie eine polnische Aufführung ins Visier nahm, und zwar die Warschauer Inszenierung von Die Kontrakte des Kaufmanns (Kupieckie kontrakty, übers. von Mateusz Borowski und Małgorzata Sugiera, Regie Paweł Miśkiewicz, Teatr Dramatyczny Warszawa, Uraufführung: 03.03.2012), die sie mit der Hamburger Aufführung von Nicolas Stemann (2009, Thalia Theater Hamburg) verglich. Als ein markanter Unterschied wurde u. a. der Verzicht auf den „Chor der Greise“ in der polnischen Inszenierung genannt.
Agnieszka Jezierska, Warszawa (Warschau), Wielogłosowość Jelinek a kwestia przekładu (Jelineks Vielstimmigkeit und die Frage der Übersetzung) berichtete von der Ungleichheit der polnischen und deutschsprachigen Tradition u. a. im Verlagswesen, die die Jelinek-Rezeption in Polen erheblich beeinträchtigt, insbesondere von den (fehlenden) architextuellen Hinweisen und von gewissen literarischen Genres, auf die sich Jelinek in ihrem Schaffen bezieht (u. a. Heimatroman, Unterhaltungsliteratur), die aber in der polnischen Gattungslehre und Tradition keine genauen Entsprechungen finden.
Ein breites Spektrum von translatorischen Schwierigkeiten kam in mehreren Referaten zum Vorschein. In ihrem Vortrag gewährte Agnieszka Kowaluk, München, Textflächen i Erzählgewässer, czyli co się kryje pod powierzchnią górskich jezior. O tłumaczeniu Dzieci umarłych“ i „Żądzy“ („Textflächen“ und „Erzählgewässer“, also was verbirgt sich unter der Oberfläche der Gebirgsseen) einen Einblick in ihre Werkstatt: sie brachte ihre Zweifel ans Tageslicht, die sie bei der Übertragung von Die Kinder der Toten und Gier begleitet hatten also bei den zwei umfangreichsten Romanen Jelineks, die in Papierform erschienen.
Karolina Bikont, Warszawa (Warschau), Kluczowe zdania w Podróży zimowej“ Elfriede Jelinek (Schlüsselsätze in Elfriede Jelineks „Winterreise“) präsentierte ihre subjektive Wahl der wichtigsten Sätze in Jelineks Winterreise.
Einen Schwerpunkt bildeten Referate der ÜbersetzerInnen von Jelineks Essays. Marek Cieszkowski, Bygdoszcz (Bromberg), O czarowaniu słowem i roz-czarowaniach tłumaczy (Vom Täuschen mit Wörtern und Ent-täuschungen der Übersetzer) stellte ein linguistisches Konzept der Äquivalenz dar und erörterte in diesem Kontext seine Strategie der Übersetzung von Jelineks Sprachspielen im Essay sich mit der Sprache spielen. Johann Nestroy.
Auch Tomasz Ososiński, Warszawa (Warschau), „Regał na Kafkę czy „Regał dla Kafki – problemy z przekładem przemówienia Elfriede Jelinek z okazji odebrania nagrody im. F. Kafki („Ein Regal für Kafka(s Bücher)“ – Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Jelineks Kafka-Preisrede) veranschaulichte anhand einiger Beispiele seine translatorischen Entscheidungen in der polnischen Fassung von Jelineks Kafkapreisrede und erläuterte seine Versuche, die intertextuellen Anspielungen auch in der polnischen Fassung zu retten.
Artur Pełka, Łódź (Lodz), Znoszenie. Jelinek. Między Büchnerem a Heideggerem (Aufheben. Jelinek. Zwischen Büchner und Heidegger) schlug eine Interpretation der von ihm übersetzten Büchnerpreisrede vor, im Hinblick auf Jelineks politisches Engagement und ihre Heidegger-Rezeption.
Anna Wołkowicz, Warszawa (Warschau), Mistycyzmy we wstępie do „Wyboru Jelinek“ (Mystizismen in der Vorrede zu „Jelineks Wahl“) wies auf zahlreiche Heideggerismen und vor allem auf die bisher in der Forschung nicht recherchierten Mystizismen in Jelineks Vorrede zum Band Jelineks Wahl hin.
Die Vortragsreihe schloss Monika Szczepaniak, Bydgoszcz (Bromberg) mit einem Beitrag unter dem vielsagenden Titel Tłumacz na spalonym. Refleksja o tłumaczeniu mowy noblowskiej (Der Übersetzer im Abseits. Randbemerkungen zur Übersetzung der Nobelpreisrede). Szczepaniak reflektierte in einem an Jelineks Oeuvre geschulten Stil in einer essayistischen und sehr persönlichen Form über ihre Arbeit an der Übertragung von Jelineks Nobelpreisrede Im Abseits. Den Ausgangspunkt für ihre Überlegungen lieferte die von Paul de Man vorgeschlagene Deutung der kanonischen Formel Walter Benjamins: „Die Aufgabe des Übersetzers“, wo „Aufgabe“ als permanentes „Aufgeben“ fungiert.
Eine weitere, diesmal nicht akademische Dimension der Konferenz manifestierte sich in der Wahl des Tagungsraumes: alle Vorträge wurden im Foyer des Teatr Polski in Bydgoszcz gehalten, wodurch eine Verbindung zwischen Theorie (akademisches Fachwissen) und Praxis (Theater und Aufführungen) entstand. Den bilateralen Transfer zwischen Wissenschaft und Theaterwesen thematisierte auch Paweł Sztarbowski, der Vizedirektor des Teatr Polski in seiner Begrüßung der TeilnehmerInnen und Gäste.
Die Tagung wurde von mehreren Veranstaltungen begleitet, der Vorstellung des neuen Bandes von Elfriede Jelinek Babel. Podróż zimowa (übersetzt von Karolina Bikont, mit einer Einführung von Monika Szczepaniak, erschienen im Verlag ADiT, Warszawa 2013) sowie den beiden Theateraufführungen: Podróż zimowa (Winterreise, Regie Maja Kleczewska) und O zwierzętach (Über Tiere, Regie Łukasz Chotkowski, beide Texte übers. von K. Bikont). Durch letztere Aufführung entstand eine Verbindung zu der vorigen Jelinek-Konferenz in Bydgoszcz. Im Jahre 2007 wurde als Ergänzung der Tagung der „Text für das Theater“ Über Tiere als szenische Lesung auf Polnisch uraufgeführt.
Zum Schluss nahmen die ReferentInnen an einer Diskussion mit dem namhaften Regisseur Krystian Lupa teil, der u.a. von seiner Hassliebe zu Jelinek berichtete.
Geplant ist ein Tagungsband, der 2013/2014 im Verlagshaus Wydawnictwo UKW erscheinen soll, voraussichtlich ergänzt um Beiträge von Joanna Drynda, Małgorzata Sugiera und Lucyna Wille.

Bydgoszcz, 8.8.2013

Agnieszka Jezierska ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Studium der Germanistik und Polonistik in Warschau. Dissertation zur Bedeutungsverdichtung in Elfriede Jelineks Prosa. 

Verena Rotky: Wie politisch schreiben österreichische Dramatikerinnen heute? Eine Studie am Beispiel von Elfriede Jelinek und Kathrin Röggla

Masterarbeit

Die beiden österreichischen Dramatikerinnen Elfriede Jelinek und Kathrin Röggla (Röggla lebt in Berlin) bezeichnen sich selbst als gesellschaftskritische bzw. politisch engagierte Autorinnen. Ihre Werke dienen dazu, die Konfrontationen und Reflexionen der Autorinnen in Bezug auf gesellschaftliche Prozesse, Phänomene und Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Text und Theater fungieren für Jelinek und Röggla als »Sprachrohr«, und obwohl es Elfriede Jelinek ist, die die Methoden eines postdramatischen Theaters, somit die »Montage von Sätzen« und eine performative Sprache, mitunter erst schuf, sind beide Autorinnen »Zeuginnen« derselben gesellschaftlichen Erfahrung im Rahmen neoliberaler Ideologien, und beide bedienen sich daher der »Dekonstruktion von Vorstellungsmodellen« (einer Dekonstruktion von Idealen und Bedeutungen, auch ihrer eigenen). Auch wenn sich ihre Ansprüche an die Literatur und deren Ausmaß unterscheiden – Jelinek spricht von ihrem »übersteigerten Moralismus«, Röggla wendet sich hingegen von jedem moralischen Anspruch im Sinne einer autoritären Geste ab -, bleibt das Ziel bzw. die Methode ihrer ästhetischen Verfahren das Gleiche, da beide bemüht sind, den kommunikativen und medial simulierten Abgrund, der sich zwischen den Menschen bewegt, sichtbar und erfahrbar zu machen. Über die Sprache und deren performative Möglichkeiten versuchen Jelinek und Röggla Ambivalenzen und Widersprüche hervor zuarbeiten, durch die Übertragung ihrer Diskurse in eine körperliche Präsenz Leben in Form von Eigensinn und Widerstand gegenüber Machtstrukturen und Wahrheitsbehauptungen bei den Rezipienten/innen als Eigenerfahrung zu initiieren. Ein Protest steht dabei im Vordergrund, den sie selbst vorzuleben bzw. »vor-zu-schreiben« geneigt sind.
Ich versuche in dieser Diplomarbeit anhand jeweils dreier Dramentexte (Elfriede Jelinek: Bambiland, Ulrike Maria Stuart, Rechnitz – Der Würgeengel und Kathrin Röggla: fake reports, wir schlafen nicht, worst case), die sich im weitesten Sinne gesellschaftspolitischen Ereignissen und Prozessen der Gegenwart widmen, auf die Frage einzugehen, inwieweit die beiden Schriftstellerinnen unterschiedlicher Generationen in einem politischen Sinne schreiben, welcher Methoden sie sich dazu bedienen, und worin die zentralen Unterschiede ihrer Arbeiten liegen.

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28.5.2013

Ana Giménez Calpe: Von Prinzessinnen zu Königinnen? Gender (De)Konstruktion in ausgewählten Theatertexten von Elfriede Jelinek

Dissertation

Abstract

2006 fand die Uraufführung von Elfriede Jelineks Theatertext Ulrike Maria Stuart statt, ein Text in dem die weiblichen Protagonistinnen als politisch und gesellschaftlich handelnde Frauen dargestellt werden. Mit ihm setzt die Autorin ihre „Prinzesinnendramen“ Der Tod und das Mädchen I-V fort, die von 1999 bis 2003 als Zwischenakte erschienen und deren Protagonistinnen –  als Prinzessinnen – sich außerhalb der Machtinstitutionen befinden und erfolglos versuchen, diese Situation zu verändern. Doch von der in den Zwischenakten und in vielen anderen Werken Jelineks vertretenen Einstellung, Frauen haben keinen realen Zugang zur Macht, distanziert sich das Theaterstück Ulrike Maria Stuart, in dem es nicht mehr um die Ohnmacht der Frau geht, sondern um ihre Machtansprüche, um den Kampf von um Macht konkurrierender Frauen. Haben sich die Mehrheit der kritischen Studien auf die Interpretation der Frau als Objekt oder Opfer konzentriert, ist eine Analyse von Jelineks Texten aus dieser Perspektive noch kaum untersucht worden.

Anliegen dieses Dissertationsprojekts ist es, die Entwicklung Jelineks weiblicher Figurendarstellung in ihren Stücken zu analysieren, insbesondere in Bezug auf deren Geschlechtsidentität und die derzufolge politische und gesellschaftliche Positionierung innerhalb der Gesellschaft. Ausgehend von der Machtkonzeption von Michel Foucault und der performativen Gender-Theorie von Judith Butler sollen drei Theaterstücke verschiedener Erschaffungsepochen analysiert werden, nämlich Krankheit oder moderne Frauen (1984), Der Tod und das Mädchen I-V (2003) und Ulrike Maria Stuart (2006). In der Analyse dieser Texte soll aufgezeigt werden, inwieweit der Umgang mit Macht von den etablierten und stereotypischen Diskursen von den Geschlechterrollen abhängen. Ein weiteres zentrales Thema des Projekts ist die Frage, wie der Versuch von Widerstand in den drei Stücken dargestellt wird, wofür die Theorie Butlers über die Genderkonstruktion ein optimales methodisches Vorgehen anbietet. Ausgangspunkt meiner Analyse ist die These, dass die weiblichen Figuren in den zwei ersten Stücke an dem Versuch scheitern, gegen die herrschende Ordnung zu kämpfen und sich der Herrschaft der Männerfiguren zu entziehen, Jelinek in Ulrike Maria Stuart jedoch eine andere Machtkonstellation darstellt, in der Frauenfiguren über Macht verfügen. Der Umgang von Macht wird aber in diesem letzten Stück in einem vielshichtigen intertextuellen Spielraum problematisert und hinterfragt.

21.5.2013

Informationen zu Ana Giménez Calpe

Stefanie Maier: Medienkritik als Trivialcollage – Elfriede Jelineks „Die endlose Unschuldigkeit“

Diplomarbeit

In dem frühen Essay Die endlose Unschuldigkeit setzt sich Elfriede Jelinek mit den Wirkungmechanismen und Machtansprüchen der Massenmedien, insbesondere des Fernsehens, der Illustrierten sowie des Heftromans auseinander. Anhand des Textes und seines Umfelds werden zentrale medienkritische Positionen der Autorin aufgezeigt. Mit einer Montage von Fragmenten verschiedenen Diskursen zuordenbarer Referenztexte bewegt sich der Essay selbst an der immer wieder abgerufenen und auf ihre Gültigkeit hin befragten Grenze zwischen Trash und Theorie.
Durch seine Verfasstheit als Trivialcollage, in der theoretische und triviale Redeweisen mitenander verschränkt werden, werden im Text gezielt Interferenzen zwischen diesen Redeweisen erzeugt. Mit unterschiedlichen sprachlichen und formalen Strategien versucht Die endlose Unschuldigkeit, den
masssenmedialen Dauermonolog zu stören und die Mythen, die er erzeugt und reproduziert, als solche zu bezeichnen. Dabei operiert der Text spielerisch mit Elementen massenmedialer Programmstrukturen und Rhetoriken sowie den Praktiken deren Rezeption.

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17.5.2013

Florian Auerochs: Vom gläsernen Sarg zum „Glaspalast des Männlichen“: Volksmärchen und feministische Philosophiekritik in Elfriede Jelineks Schneewittchen-Adaption „Der Tod und das Mädchen“ I

Betrachtet man Jelineks Theatertext Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen) unter Einbezug der These der Erzählforschung, dass «jede Erzählung […], wenn es sich nicht um einen mündlich memorierten Vortrag handelt, eine Variante» (Bausinger) ist, dann stellt auch Jelineks postdramatische Adaption eine legitime radikalisierte „Variante“ des Schneewittchenstoffes dar. Unter dieser Voraussetzung greift Jelinek nicht nur Motive der manifesten Erzählebene des Schneewittchen-Paradigmas auf, sondern verhandelt gleichsam die mit-zitierte Gattung des Grimmschen Volksmärchens, welches als Prä- und Intertext unter Jelineks dekonstruktiver Poetologie zum Ort ideologisch-philosophischer Auseinandersetzung wird. Mit dem politischen Impetus feministischer Philosophiekritik zitiert und instrumentalisiert Jelinek das deutsche Volksmärchen bewusst als das Medium einer ideologisierten, patriarchalen Rezeptionsgeschichte, dass seiner „Unschuldigkeit“ entledigt und seiner „Schuld“ ebenso wie seinem Gedächtnis zugeführt werden muss.

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Zuzana Augustová: Schlüsselpunkte in der Entwicklung der österreichischen Nachkriegsdramatik

Habilitation (Konzept)

In meiner Habilitation verfolge ich die Schlüsselpunkte in der Entwicklung der österreichischen Nachkriegsdramatik von den 50er bis in die 90er Jahren. Meine Arbeit ist vor allem auf das sprachexperimentelle und sprachkritische Schaffen österreichischer Dramatiker/Innen dieser Zeit orientiert. Bei ausgewählten Autoren/Innen wie Elfriede Jelinek und Werner Schwab, die am wesentlichsten mit Stilisierung und Deformation der Sprache arbeiten, um sie gleichzeitig zu thematisieren, wird die Analyse bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts übergreifen.
In meiner Dissertation, die als Buch im Jahre 2003 unter dem Titel Thomas Bernhard (Verlag Větrné mlýny, Brünn 2003) erschien, habe ich mich mit dem dramatischen Werk von Thomas Bernhard beschäftigt. Schon in meiner Dissertation habe ich mich dem Kontext der zeitgenössischen österreichischen Dramatik seit den 60er, bzw. 50er Jahren gewidmet. Im dramatischen Werk von Thomas Bernhard habe ich Zusammenhänge nicht nur mit der europäischen sowie österreichischen modernen Dramenentwicklung entdecket, sondern auch Beziehungen zum Schaffen seiner österreichischen Zeitgenossen erforscht. In einem komparativen Teil meiner Dissertation habe ich einzelne stilistische und thematische Linien der österreichischen Nachkriegsdramatik definiert und das Schreiben für Theater bei ausgewählten Autoren/Innen in Bezug auf diese Linien analysiert. Die Hauptlinien habe ich folgenderweise definiert: 1) Experimentelles Schaffen (Wiener Gruppe, Wiener Aktionismus, Forum Stadtpark und Grazer Gruppe); 2) Ästhetik der Drastik und des Schocks – Das neue Volksstück und das bürgerliche Schock-Theater; 3) Sprachkritik. Weiterlesen